Kinder an die Macht
Im KiKa kam gestern das Finale einer Show, die wohl mehrere Tage lief: Der Boss sind wir. Zwei Familien wurden mit der Kamera acht Tage lang begleitet. Die Rollen wurden vertauscht: Die Eltern waren die “Kinder”, die Kinder die “Eltern”. Die Kinder wurden fast die ganze Zeit die “Bosse” (vom Kommentator) genannt. Die Eltern mussten das tun, was die Kinder sagten. Sie hatten ein Budget von 400 € für die 8 Tage und mussten damit Haushalten. Beide Familien hatten 3 Kinder. Anscheinend gingen die Kinder auch zur Schule (sie mussten wohl Hausaufgaben machen), aber ob die Eltern sich extra frei genommen hatten, weiß ich nicht genau, ich glaube schon. Die Kinder durften den Eltern auch befehlen, Auto zu fahren oder so.
Gestern war der letzte Tag dieses “Experiments” (wie sie es nannten) und am Ende wurden alle gefragt, was sie denn so darüber zu sagen hätten. Ich war begeistert:
Die Eltern sagten, sie seien so überrascht gewesen, zu sehen, wie viel die Kinder ganz selbständig machen können, wie viel sie von Haushaltsführung verstehen und davon, wie man Geld ausgibt. Beide Familien konnten sich am Ende noch was leisten und die Eltern überraschen. Die Eltern waren auch überrascht, wie viele Konflikte sich einfach von selbst lösen, wenn man sie einfach machen lässt (oho!). Sie waren auch beeindruckt und froh, dass sie sich auf die Aktivitäten eingelassen hatten, die die Kinder vorgeschlagen haben – Sie haben Sachen gemacht, die sie noch nie zuvor gemacht hatten und hatten dabei viel Spaß. Ein Elternteil war überrascht, dass man sich doch auf die Kinder verlassen kann. Sie waren begeistert, dass Kinder ihre Vorhaben wirklich durchziehen, egal was passiert. Die Eltern wurden gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, das immer wieder Mal zu machen, so alle halbe Jahre, 4 Tage lang oder so. Eine Familie sagte, ja, durchaus, die andere sogar “können wir immer machen” (so halb scherzhaft).
Die Kinder waren sehr glücklich, dass sie die Chance gehabt hatten, ihren Eltern ihre Fähigkeiten zu zeigen, auf sich selbst aufzupassen. Ich meine von manchen Kindern rausgehört zu haben, dass sie recht unglücklich waren, dass sie die Macht wieder abgeben musten. Das Symbol für die Machtübergabe war die Übergabe des Hausschlüssels. Da sagte eines der Mädchen: “Ach neiiiiiin, ich will noch wenigstens eine Stunde an der Macht bleiben!!!” Aber sie waren auch glücklich, dass sie im Haus bleibende Veränderungen durchgesetzt hatten (z.B. hat die eine Familie eine Chill-Out-Zone geschaffen, die Wände Rot angemalt und so).
Es war ein bisschen traurig, dass die Moderatoren nach dem Experiment ständig so was gefragt haben wie: “Und? War doch auch schwierig, oder? Sag doch Mal, es ist ja auch schwierig, Eltern zu sein, oder nicht?”, “Ach komm, es war doch auch viel Verantwortung und so, war doch sicher schwierig, nicht wahr?”. Anscheinend war das Ziel des Experiments, den Kindern zu “beweisen”, dass es schwer ist, Eltern zu sein, und dass sie deshalb den Eltern mehr im Haushalt helfen sollten etc. Aber die Kinder meinten, es sei am Anfang hart gewesen – zum Teil aber auch, weil die Eltern ihre Macht nicht so leicht aufgeben konnten die ersten 4 Tage – aber dass es eigentlich am meisten Spaß gemacht hätte und so schlimm sei es auch nicht gewesen.
Interessant war auch, dass bei einer Familie die Kinder versucht haben, den Haushalt ganz alleine zu schmeissen. Sie haben nur nach Hilfe gefragt, wenn sie wirklich Hilfe brauchten und die Eltern “gerade da waren”. In der anderen Familie haben die Kinder von den Eltern verlangt, dass sie bestimmte Haushaltsarbeiten erledigten. Ich nehme an sie haben es so gemacht, wie es für die jeweilige Familie “normal” war.
Die ersten vier Tage waren für beide schwer. Die Eltern konnten nicht so leicht ihre Kontrolle und Macht aufgeben. Eine Mutter sagte, es sei logisch, dass der Wechsel von 0 auf 100 für beide Seiten nicht leicht ist. Aber nach einer Weile hätte sie es geschafft, die Kinder einfach machen zu lassen und von da an konnte sie sogar genießen, “ein Kind zu sein”.
Ich habe sehr interessiert und mit einem breiten Grinsen die Show angesehen. Es ist traurig, dass die Show nur im Kinderkanal gezeigt wurde und dass wahrscheinlich nur wenige Eltern sie gesehen haben. Schade ist auch, dass keiner auf die Schlussfolgerung gekommen ist, dass Gleichberechtigung besser ist als von einem Extrem ins andere zu wechseln. Aber es war ein Anfang ;)
Ich hatte eine Idee:
Ich frage mich, was passieren würde, wenn dieses Experiment länger gemacht werden würde, für ein paar Wochen oder Monaten. Ich nehme an, dass die Eltern es “unfair” finden würden, so behandelt zu werden, keine gleichberechtigten Rechte zu haben etc. (in der Sendung benutzten die Kinder manchmal typische erzieherische Methoden – z.B. befehlten die älteren Kinder den jüngeren, sie sollten “ihr Brot aufessen” und “still sitzen bleiben” und “nicht so frech sein” und so was. Sie stritten sich auch mit den Eltern, dass diese respektlos seien oder die Regeln des Spiels nicht befolgten.)
Aber weil die Kinder ja die Situation der Eltern genau verstehen würden, sie waren ja vor ein paar Wochen erst dort, würden sie viel eher auf die Idee kommen, Gleichberechtigung für alle zu gewähren. Natürlich würde das im wahren Leben nicht so passieren, denn Eltern glauben einfach, sie hätten ein angeborenes Recht darauf, ganz oben in der Familienhierarchie zu stehen, und sie würden irgendwann das Experiment einfach abbrechen, wenn sie irgendwas so “unfair” fänden.
Aber: Ich frage mich, ob es nicht ganz gut wäre, für Leute, die Nichterziehung praktizieren wollen. Während traditionelle Erziehung die Eltern über die Kinder stellt: (Eltern → Kind), und der Rollentausch eigentlich das selbe ist nur andersrum: (Eltern ← Kind) – wir aber mit Nichterziehung eine solche Beziehung erschaffen wollen: Eltern ↔ Kind, wäre es vielleicht eine gute Idee, dieses Experiment eine Weile zu Hause zu machen?
So könnten sie sehen, wie schwer es ist (Eltern zu sein (die über ihre Kinder stehen), verantwortlich zu sein, den Haushalt zu schmeissen). Ich stelle mir vor, dass es hlefen würde, ein Gleichgewicht zu finden. Es ist einfach, von einem Extrem ins andere zu gehen, weil die Kinder ja auch wissen, wie die Eltern sich verhalten. Sie wissen gleich, wie sie sich verhalten müssen, um es nachzumachen. Es ist aber schwieirig für beide Parteien, direkt die Mitte zu finden – dies ist harte Arbeit. Es könnte allen Parteien klar machen, wieso wir “Eltern ↔ Kind” anstreben!
Es würde auch den Kindern deutlich machen, dass wir mit Nichterziehung eben nicht Eltern ← Kind anstreben!
Diese Übung könnte Eltern und Kindern helfen, die jeweiligen Rollen der anderen zu verstehen, die Verantwortung wert zu schätzen und wirklich zu verstehen, dass es wichtig ist, dieses Gleichgewicht zu finden.
Wie das Experiment im TV zeigte, könnten Eltern auch herausfinden, dass die Kinder wirklich vieles selbst bewerkstelligen und das könnte helfen, das Vertrauen, was uns fehlt, unsere Kinder “machen zu lassen”, zu bekommen.
Außerdem würden die Eltern die Welt und den Haushalt eine Weile von der Perspektive eines Kindes sehen, was jedenfalls diesen beiden Familien Spaß gemacht hat (tolle Sachen zusammen machen, entspannt wie ein Kind zu leben).
Ich denke auch, dass dieses Experiment die Kreativität aller Beteiligten anregen könnte, was man alles machen könnte in der Freizeit, wenn man so ein (zwar begrenztes) Budget zur Verfügung hat.
Nach diesem Experiment startet das echte Experiment. Ich glaube Kinder wären viel bereiter als Eltern, ihre Kontrolle über die andere Partei aufzugeben, wenn diese sich beschwert…
Was meint ihr?
