Fernsehen ist so konzipiert, dass es Menschen passiv und unkritisch (undenkend) macht.
Von Joyce Fetteroll
Meine Tochter ist weder passiv noch unkritisch, wenn sie TV schaut.
Als ich arbeitete, mochte ich es gern abends fernsehen, um mich zu entspannen. Aber das Fernsehen war nicht der Grund. Fernsehen war die Lösung für das Problem “Stress nach der Arbeit”.
Meine Tochter benutzt Fernsehen nicht auf diese Art, weil sie dieses Bedürfnis nicht hat. Sie hat ein Bedürnis nach Geschichten, und sie benutzt TV als ein weiteres Medium, das Geschichten erzählt. Für sie unterscheidet es sich nicht von Büchern, Hörbüchern, Comicbüchern und Geschichtenerzählern.
Quelle: Arguments against Arguments against TV by Joyce Fetteroll. Mit Genehmigung übersetzt und veröffentlicht.
Auch meine Tochter ist nicht passiv. Während sie manchmal so gefesselt ist, dass sie im stehen fernsieht, turnt sie auch manchmal dabei, oder macht einen Kopfstand, Purzelbäume… Dass Fernsehen “passiv macht” impliziert auch, dass man quasi danach immer passiv bleibt. Das würde bedeuten, dass sie vor und nach dem Fernsehen nur so daliegt und “nichts tut”, sich für immer nur berieseln lässt. Welches Kind ist so? Das stimmt einfach nicht. Im Gegenteil, wenn sie nicht fernsieht, ist sie äußerst aktiv. Sie will dann Sachen machen.
Unkritisch macht Fernsehen höchstens dann, wenn man nicht darüber redet, was man gesehen hat; wenn die einzige Meinungsquelle der Fernseher ist – doch selbst im Fernsehen werden viele verschiedene Meinungen vertreten!
Unkritisch bedeutet, man hinterfragt nicht, was man an Informationen erhält. Wenn die Kinder davor gesetzt werden und sie alleine mit der ganzen Information zurechtkommen müssen, kann ich mir gut vorstellen, dass sie nicht auf die Idee kommen, die Informationen zu hinterfragen. Seit es bei uns uneingeschränkten Zugang zum Fernsehen gibt, reden wir auch darüber. Anfangs fand ich es langweilig, ihre zum Teil ellenlangen “Zusammenfassungen” zu hören. Jetzt höre ich mir das aber nicht mehr nur an, ich hinterfrage. Wir sind doch diejenigen, die ein Vorbild im Hinterfragen sein müssen – und wenn wir das Fernsehen verbieten, und trotzdem nie, sagen wir Mal, was der Nachbar sagt oder was Bücher sagen, hinterfragen, können Kinder genauso unkritisch werden, wie das hier prophezeit wird. Das Fernsehen ist nicht Schuld am unkritischen Denken der Zuschauer.
Wenn das Kind stundenlang Bücher lesen würde, würden wir nie daran denken, dass sie vielleicht unkritisch werden könnten – wieso? Wie viel “Schund” gibt es an Büchern?
Fragen, die man einem Kind stellen kann:
- Worum ging es in der Geschichte?
- Hat sie dir gefallen? Wieso?
- Wer war der “Gute”, wer war der “Böse”?
- Warum haben die das und das gemacht?
- Was hat dir am meisten gefallen? Wieso?
- Für wen warst du? Wieso?
- Welche Figuren gefallen dir am besten? Wieso?
- Welche Figuren gefallen dir nicht? Wieso?
- War die Geschichte spannend? Wieso?
- Waren die Bilder zur Geschichte gut, oder hätte man das besser darstellen können?
- Wie fandest du die Schauspieler? Wieso? Welcher Schauspieler war der beste?
- Willst du Mal einen anderen Film vom selben Regisseur sehen?
- Was hätte man die Geschichte oder die Darstellung besser machen können?
- Wie hätte die Geschichte noch enden können? Was wäre ein schöneres Ende gewesen?
- ...
Erinnert mich stark an Textanalyse im Fach Deutsch, nur mündlich – wieso sollten Kinder “unkritisch” werden und vom Fernsehen “nichts lernen”? Ihr würdet staunen, wie kritisch eure Kinder schon sind! Oder wie sie es noch werden, wenn man im Hinterfragen Vorbild ist.
Was dieses Hinterfragen auch bewirkt, ist dass ich meine Tochter besser kennen lerne. Ich lerne ihre Vorlieben kennen. Ich kann sie besser einschätzen und ihre Entwicklung beobachten. Ich lerne ihre Interessen kennen. Und das ist der Schlüssel zu Unschooling! Erst wenn ich ihre Interessen kenne, kann ich sie unterstützen!
Wichtig finde ich noch zu betonen, dass man nicht weiter fragt, nur um zu forcieren, dass sie bitteschön aus jeder Sendung was lernen. Ein paar Fragen genügen! Wenn sie nicht weiter reden wollen, oder sich das Gespräch wendet – gut. Wenn sich ein interessantes Gespräch entwickelt – gut. Wenn das Kind selbst Fragen stellt – gut. Es ist OK, wenn man einfach nur Mal was guckt. Es ist OK, wenn man sich Mal drüber unterhält.
Meine Tochter lädt mich immer häufiger zum Mitschauen ein. Sie mag das Gespräch über die Sendungen, und wir stellen beide viele Fragen. Sie liebt es, sich mit mir darüber auszutauschen.