“Fernsehen entfremdet”

Johanna, 14.10.2006

“Selbst wenn du mit ihnen gemeinsam fernschaust und darüber redest, was gezeigt wird, bist du ihnen trotzdem ferner, als wenn du mit ihnen irgendwas konstruktives oder kreatives machst.”

Von Joyce Fetteroll

Die Theorie hört sich gut an, aber eine gültige Theorie muss alle Daten berücksichtigen. Es gibt Unschooler mit “Daten” ihrer eigenen Familien, die nicht in diese Theorie passen.

Bei uns zu Hause unternehmen wir viel mit der Familie ohne den Fernseher – Spiele, Sport, Orte besuchen, Basteln, Besuch. Die Qualität einer Unterhaltung hängt nicht von der Aktitivität ab. Es kommt darauf an, wie etwas im Zusammenhang steht mit den Leben der Menschen, die an der Aktivität beteiligt sind.

Wie erklärt deine “TV entfremdet”-Theorie unsere Erfahrung mit dem Fernsehen?

Quelle: Arguments against Arguments against TV by Joyce Fetteroll. Mit Genehmigung übersetzt und veröffentlicht.

Das will doch jeder

Johanna, 13.10.2006

“Hä? das verstehe ich nicht, was ist denn das?”, sagte meine Tochter gestern, als sie den Titel eines meiner Artikel am Computer zufällig las.

“Ach, das hatte ich geschrieben, weil wir doch jetzt uns so geändert haben und so… weil wir meinen, dass man Kinder zu nichts zwingen sollte”, sagte ich.

“Ja, und?”

“Ja… ich schreib halt darüber. Und wenn ich das so erzähle, dann wollen andere Eltern–” hier wurde ich unterbrochen, ich wollte eigentlich sagen, dann wollen andere Eltern halt wissen, was sie denn machen sollen, wenn ihr Kind Hundekacke oder so anfassen will. Sie aber sagte so ganz selbstverständlich:

”... das auch machen!” :-)

“Fernsehen macht Menschen zu Konsumenten…”

Johanna, 13.10.2006

...die keine anderen Wünsche als Coca-Cola und McDonald’s haben.

Von Joyce Fetteroll

Das ist eine einfache Schlussfolgerung, auf die man kommt, wenn man einen langen Blick auf unsere Gesellschaft wirft. Aber bewahrheitet sich diese Theorie auch, wenn du auf individuelle Familien schaust?

Die Botschaft in TV-Shows und Filmen, die scheinbar das Kaufen von Dingen befürworten – tolle Autos, coole Kleidung, extravagante Urlaubsziele –, hatten null Effekt auf meine Familie. Es ist nicht so, dass wir ein einfaches Leben führen – das Haus ist überfüllt mit Büchern und Filmen. Meine Liebe zum Kauf solcher Dinge wird nicht durch TV genährt, sondern durch meine Liebe zu großartigen Geschichten und großartigen Figuren und eleganten aber simplen Arten, Komplexes zu umschreiben.

Bei uns zu Hause behandeln wir Werbung als (verzerrte) Information darüber, was es da draussen gibt, nicht als ein Befehl, zu Konsumenten zu werden. Ich versuche gerade, auf irgendwas zu kommen, was wir nur gekauft haben, weil wir es im TV gesehen haben. Das Einzige, worauf ich komme, ist dass ich einen Swiffer gekauft habe, aber das auch erst, nachdem ich die Kundenrezensionen gelesen habe, die besagten, sie seien gut. Das meiste was wir kaufen sind Bücher, Filme und Künstlerbedarf. Es gibt zwar Werbung für Filme, aber wir kaufen nur diejenigen, die wir gesehen haben und toll fanden. Bücher und Künstlerbedarf kommen weder in Werbung noch in Shows oder Filmen vor.

Vor ein paar Jahren wollte meine Tochter ab und zu Mal ein Spiel haben, das ihrer Liebe zu Pokemonähnlichen Figuren (GigaPets und Scanners und so) nahe kam. Aber sie war sich immer bewusst, dass die Werbung ihr kein wahrheitsgetreues Bild davon geben würde, wie sehr sie das Spiel dann auch mögen würde. Seitdem hat sie bessere Quellen gefunden (Zeitschriften und das Internet), um sich über die Sachen zu informieren, die sie mag.

Meiner Meinung nach reflektiert, oder verstärkt, das Fernsehen die bestehende Idee einer Gesellschaft, die sich bereits vom materiallen Erwerb angezogen fühlt. Aber eigentlich ist die Idee, Dinge zu erwerben, wahrscheinlich dem Menschen angeboren. Der Wunsch zu sammeln (Essen und Material für Werkzeuge und Kleidung) hat es uns ermöglicht, Winter zu überleben, wenn Dinge rar wurden. Und die Idee, Überfluss anzusammeln wurde nicht vom TV erfunden! Die Reichen fanden es schon immer toll zu zeigen, was Reichtum alles kaufen kann, tausende von Jahren bevor es TV gab. Das Fernsehen hat nicht die großen französischen und russischen Paläste erfunden! Der Unterschied zwischen unserer Gesellschaft und der Einstigen ist der, dass es sich heutzutage mehr Menschen leisten können, ihren Wohlstand zu zeigen.

Quelle: Arguments against Arguments against TV by Joyce Fetteroll. Mit Genehmigung übersetzt und veröffentlicht.

Auch Werbung kann man hinterfragen, auch über Werbung kann man diskutieren – und zwar nicht nur darüber, wie sehr uns Werbung beeinflussen will, oder wie Werbung “lügt” oder nicht lügt – sondern auch über Gestaltung, Darstellung, ob sie wirkungsvoll ist und warum, Witz, die Sprache, die benutzt wird und vieles mehr… Man könnte schon fast sagen, dass es schade ist, wenn man nur öffentlich-rechtliche empfängt! ;)

“Fernsehen macht passiv und unkritisch”

Johanna, 13.10.2006

Fernsehen ist so konzipiert, dass es Menschen passiv und unkritisch (undenkend) macht.

Von Joyce Fetteroll

Meine Tochter ist weder passiv noch unkritisch, wenn sie TV schaut.

Als ich arbeitete, mochte ich es gern abends fernsehen, um mich zu entspannen. Aber das Fernsehen war nicht der Grund. Fernsehen war die Lösung für das Problem “Stress nach der Arbeit”.

Meine Tochter benutzt Fernsehen nicht auf diese Art, weil sie dieses Bedürfnis nicht hat. Sie hat ein Bedürnis nach Geschichten, und sie benutzt TV als ein weiteres Medium, das Geschichten erzählt. Für sie unterscheidet es sich nicht von Büchern, Hörbüchern, Comicbüchern und Geschichtenerzählern.

Quelle: Arguments against Arguments against TV by Joyce Fetteroll. Mit Genehmigung übersetzt und veröffentlicht.

Auch meine Tochter ist nicht passiv. Während sie manchmal so gefesselt ist, dass sie im stehen fernsieht, turnt sie auch manchmal dabei, oder macht einen Kopfstand, Purzelbäume… Dass Fernsehen “passiv macht” impliziert auch, dass man quasi danach immer passiv bleibt. Das würde bedeuten, dass sie vor und nach dem Fernsehen nur so daliegt und “nichts tut”, sich für immer nur berieseln lässt. Welches Kind ist so? Das stimmt einfach nicht. Im Gegenteil, wenn sie nicht fernsieht, ist sie äußerst aktiv. Sie will dann Sachen machen.

Unkritisch macht Fernsehen höchstens dann, wenn man nicht darüber redet, was man gesehen hat; wenn die einzige Meinungsquelle der Fernseher ist – doch selbst im Fernsehen werden viele verschiedene Meinungen vertreten!

Unkritisch bedeutet, man hinterfragt nicht, was man an Informationen erhält. Wenn die Kinder davor gesetzt werden und sie alleine mit der ganzen Information zurechtkommen müssen, kann ich mir gut vorstellen, dass sie nicht auf die Idee kommen, die Informationen zu hinterfragen. Seit es bei uns uneingeschränkten Zugang zum Fernsehen gibt, reden wir auch darüber. Anfangs fand ich es langweilig, ihre zum Teil ellenlangen “Zusammenfassungen” zu hören. Jetzt höre ich mir das aber nicht mehr nur an, ich hinterfrage. Wir sind doch diejenigen, die ein Vorbild im Hinterfragen sein müssen – und wenn wir das Fernsehen verbieten, und trotzdem nie, sagen wir Mal, was der Nachbar sagt oder was Bücher sagen, hinterfragen, können Kinder genauso unkritisch werden, wie das hier prophezeit wird. Das Fernsehen ist nicht Schuld am unkritischen Denken der Zuschauer.

Wenn das Kind stundenlang Bücher lesen würde, würden wir nie daran denken, dass sie vielleicht unkritisch werden könnten – wieso? Wie viel “Schund” gibt es an Büchern?

Fragen, die man einem Kind stellen kann:

  • Worum ging es in der Geschichte?
  • Hat sie dir gefallen? Wieso?
  • Wer war der “Gute”, wer war der “Böse”?
  • Warum haben die das und das gemacht?
  • Was hat dir am meisten gefallen? Wieso?
  • Für wen warst du? Wieso?
  • Welche Figuren gefallen dir am besten? Wieso?
  • Welche Figuren gefallen dir nicht? Wieso?
  • War die Geschichte spannend? Wieso?
  • Waren die Bilder zur Geschichte gut, oder hätte man das besser darstellen können?
  • Wie fandest du die Schauspieler? Wieso? Welcher Schauspieler war der beste?
  • Willst du Mal einen anderen Film vom selben Regisseur sehen?
  • Was hätte man die Geschichte oder die Darstellung besser machen können?
  • Wie hätte die Geschichte noch enden können? Was wäre ein schöneres Ende gewesen?
  • ...

Erinnert mich stark an Textanalyse im Fach Deutsch, nur mündlich – wieso sollten Kinder “unkritisch” werden und vom Fernsehen “nichts lernen”? Ihr würdet staunen, wie kritisch eure Kinder schon sind! Oder wie sie es noch werden, wenn man im Hinterfragen Vorbild ist.

Was dieses Hinterfragen auch bewirkt, ist dass ich meine Tochter besser kennen lerne. Ich lerne ihre Vorlieben kennen. Ich kann sie besser einschätzen und ihre Entwicklung beobachten. Ich lerne ihre Interessen kennen. Und das ist der Schlüssel zu Unschooling! Erst wenn ich ihre Interessen kenne, kann ich sie unterstützen!

Wichtig finde ich noch zu betonen, dass man nicht weiter fragt, nur um zu forcieren, dass sie bitteschön aus jeder Sendung was lernen. Ein paar Fragen genügen! Wenn sie nicht weiter reden wollen, oder sich das Gespräch wendet – gut. Wenn sich ein interessantes Gespräch entwickelt – gut. Wenn das Kind selbst Fragen stellt – gut. Es ist OK, wenn man einfach nur Mal was guckt. Es ist OK, wenn man sich Mal drüber unterhält.

Meine Tochter lädt mich immer häufiger zum Mitschauen ein. Sie mag das Gespräch über die Sendungen, und wir stellen beide viele Fragen. Sie liebt es, sich mit mir darüber auszutauschen.

Unerzogen Magazin