Um freie Entscheidungen treffen und unsere Freiheit wirklich nutzen zu können, müssen wir uns über die Folgen unseres Handeln im Klaren sein und die Folgen unseres Tuns im vollen Umfang begreifen.
Es ist also nur eine “Scheinfreiheit”, wenn das Kind “frei” entscheidet, weil es viele der Folgen nicht abschätzen kann und daher tut man dem Kind quasi einen Gefallen, wenn man eingreift und für es entscheidet.
Das Kind ist also sowieso nicht frei, Erziehung ist also auch keine “Einschränkung” (wenn keine Freiheit, dann gibts auch nichts einzuschränken). Ergo kann man reinen Gewissens weiter erziehen, ist ja keine Einschränkung, die Kinder sind ja eh nicht frei, man tut ihnen sogar einen Gefallen.
Antwort von Martin Wilke:
Demnach ist praktisch kein Menschen frei, auch die Eltern nicht. Denn auch sie können die Folgen ihres Handelns nicht völlig überblicken, was ja gerade bei der ganzen Frage der Erziehung besonders deutlich wird.
Ich finde das Argument auch gefährlich, weil es zur Legitimierung von Herrschaft dient und das Kind daran hindert, eigene Erfahrungen und eigene Fehler zu machen.
Da auch die Eltern sich irren können, wer gibt ihnen dann das Recht, darüber zu entscheiden, wie andere (ihre Kinder) zu leben haben?
Antwort von Martin Wilke aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht.
Antwort von Benni Baermann:
Interessantes Thema. Ein paar Anmerkungen dazu:
- Die Unterdrücker aller Länder und Zeiten haben immer behauptet, dass es nur zum Wohle der Unterdrückten sei, dass sie unterdrückt werden, weil sie ja zu unwissend/unbeherscht/whatever seien. Das wurde den Sklaven und den Leibeigenen genauso vorgehalten wie den Frauen und den Arbeitern.
- Kein Mensch kann die Folgen seines Handelns in vollem Umfang vorraussehen. Im Gegenteil macht es gerade die Stärke menschlichen Handelns aus, dass es ohne volle Informiertheit zu halbwegs tragfähigen Schlüssen kommt.
- Das Ziel von Lernen sollte demnach auch nicht sein, erst dann zu handeln, wenn man meint alle Folgen abschätzen zu können, sondern dann, wenn man bereit ist die Folgen zu tragen. Nur wer Fehler machen kann, kann lernen.
- Man wird immer Extrembeispiele finden in denen es offensichtlich ist (oder für manche auch nur zu sein scheint), dass Kinder die Folgen ihres Handelns noch in keiner Weise einschätzen können. Hier auf der Liste hatten wir diese Themen ja auch schon wiederholt (Strassenverkehr, mit Kacke spielen, Zähneputzen, ...). Es macht für mich Sinn sich mit diesen Extremfälen auseinaderzusetzen aus der Perspektive [gleichberechtigter Elter-Kind-Beziehungen]. Keinen Sinn macht es für mich aus diesen Extremfällen Regeln für das generelle alltägliche Zusammensein mit Kindern abzuleiten.
Antwort von Benni Baermann aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht
Antwort von Jacob:
- Kann den eine Erwachsene immer abschätzen, daß sie nicht mit dem Flugzeug abstürzt, wenn sie einen Flug von London nach Kairo unternimmt?
- Kann sie abschätzen, nicht entführt im Pentagon zu landen, wenn sie einen
Flieger benutzt?
- Kann sie den immer abschätzen, dass sie nicht vom Laster überfahren wird, wenn sie vom Bürgersteig auf die Straße tritt?
- Kann sie immer abschätzen, nicht von einer Bombe zerfetzt zu werden, wenn sie in London mit der U-Bahn fährt?
- Kann sie immer abschätzen, dass sie kein Aids bekommt, wenn sie mit einem Bekannten Sex hat?
- Kann jede Erwachsene abschätzen, dass sie nicht Opfer einer Springflutt wird, wenn sie an den Strand geht oder ins Watt hinausläuft?
Die Folgen einer Handlung können auch Erwachsene nicht abschätzen, da die Zukunft offen und noch nicht festgelegt ist. Es ist eine Lüge, dies – mal von ganz eng eingegrenzten Bereichen abgesehen – überhaupt zu können.
Kein Autofahrer kann im Vorwege abschätzen, dass es dieses Mal zu keinem Unfall kommt, dass die Radmuttern der Reifen sich diesmal nicht lösen und die Reifen deshalb nicht bei 120 km/h auf der Autobahn plötzlich überholen, selbst dann nicht, wenn er sie vor der Fahrt kontrolliert hat. Wir alle können nur Wahrscheinlichkeiten abschätzen, die Folge unserer Handlungen sein können, mehr nicht.
Antwort von Jacob aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.
Jedenfalls, ich habe das Kapitel “Freiheit” [aus einem Kinderbuch] gelesen und so, und da war das Bsp., dass ein Kind nur Malen will und daher mit der Schule aufhören möchte. Da stand natürlich, dass man aber als Kind die Tragweite seiner Entscheidungen nicht abschätzen kann (z.B. dass man später vielleicht kein Maler mehr werden möchte).
Antwort von Lisa:
Ich verstehe das so, dass der Autor damit meint, das Kind könnte den “schulischen Anschluss” verlieren, was dann dazu führt, dass es als Jugendlicher keinen Schulabschluss bekommt, keine Lehre/kein Studium machen kann, keine Arbeit findet, also kein Geld verdienen kann, und schlimmstenfalls “unter der Brücke” landet.
- Ist einem Erwachsenen bewusst, welche Folgen es hat, in die Schule zu gehen? * Wieviele Menschen, die selbstbestimmt gelernt haben, kennt dieser Erwachsene?
- Was bedeutet es für einen Menschen, wenn ihm von Kindesbeinen an systematisch abgewöhnt wird, nach seinem Rhythmus und seinem inneren Lernplan zu lernen?
- Wieviel Bewusstsein für effektives Lernen haben konventionell beschulte Erwachsene?
- Wieviele Erwachsene wissen, dass man bei der Volkshochschule Vorbereitungskurse für Schulabschlüsse machen kann (wenn ich mich recht erinnere, dauern die 1-2 Jahre statt 10 (!!!) Schuljahre), und dass man “Fremdenprüfungen” ablegen kann?
- Welcher Erwachsene weiss besser als das Kind selbst, was es jetzt in diesem Moment am effektivsten lernen kann, was jetzt am wichtigsten ist?
- Wem ist bewusst, wie wichtig es ist, welche innere Haltung zum Lernen man über die Jahre erhält und entwickelt?
Antwort von Lisa aus der Mailingliste Unerzogen. Mit Genehmigung veröffentlicht.
Antwort von Yasemin Weidemeier:
Zum Thema Schule kann ich da auch ein Beispiel von hervorragander Entscheidungsfähigkeit meiner Tochter erzählen, die für mich als die Folgen des Handelns abschätzen könnende Mutter völlig unsinnig war.
Meine Tochter hat sich in der Grundschule schon in der dritten Klasse eher mittelmässig durch die Schule geschlagen, und das wurde in der vierten Klasse immer schlimmer, nachdem sie auch noch eine Ersatzlehrerin bekam, die meine Tochter zwar ganz gerne mochte (sie ist sehr schlampig und die Lehrerin hatte Verständnis dafür, weil sie wohl auch nicht sehr ordentlich ist), und kurz vor den Zwischenzeugnissen hat meine Tochter ihrer Lehrerin, ohne mit mir gesprochen zu haben, mitgeteilt, dass sie die Schule wechseln wird. Danach hat sie mir mitgeteilt, dass sie an eine andere Schule gehen will und in welche.
Ich habe alle meine Argumente gegen diesen Quatsch angebracht, die mir völlig logisch erschienen: dass sie ja dann die Kinder nicht kennt, dass die neue Lehrerin vielleicht mit ihrem Chaos nicht klar kommt, usw…
Sie hat gesagt, sie will trotzdem nicht mehr in ihre alte Schule gehen; sie wird die anderen kinder kennen lernen, und wenn ihre Lehrerin will, das sie ordentlicher ist, dann wird sie das halt machen.
Na gut, dann bin ich, entgegen meiner eigenen Überzeugung, zum Direktor der Schule gegangen, habe die Lage erzählt usw., er meinte wir wollten wegen dem Übertrittszeugnis tricksen oder so, aber ich konnte ihm glaubhaft machen, dass es nur der Wunsch meiner Tochter ist, und nichts mit Übertritt zu tun hat.
Sie ist in die neue Schule und ihre Noten haben sich innerhalb von einem Monat um eine Note, und bis zum ende des Schuljahres um zwei Noten gebessert.
Besser hätte sie nicht entscheiden können.
Ich glaube, dass Kinder immer über sich entscheiden können. Und zwar, wenn es etwas ist, was sie abschätzen können, wie ist mir zu kalt draussen, habe ich hunger oder bin müde – sowas entscheiden sie tatsächlich frei.
Ist es etwas, was sie meinen, nicht abschätzen zu können, dann werden sie aus freien Stücken die Eltern, die die tatsächliche Autorität zu dem Thema haben, befragen und dann mit Wissen der Folgen frei eintscheiden können. Mit Autorität meine ich die Kompetenz und das Wissen der Eltern.
Zu dem ‘Spät ins Bett gehen und deshalb übermüdet sein und schlechte schulische Leistungen haben’: Kinder wissen immer, wann sie müde sind, wenn man sie nicht dazu zwingt ins Bett zu gehen. Meine Kinder haben von Anfang an immer von sich aus gesagt, wenn sie müde waren und schlafen wollten, und das schon als Baby. Bei einigen war es zu früherer Uhrzeit und bei einigen ist es später, so wie sie es halt für sich brauchten.
Und wenn sie tatsächlich Mal, so wie es meine Tochter (12) gestern gemacht hat, weil ihre Freundin bei uns übernachtet hat, bis halb eins aufgeblieben sind, dann ist der Schlaf halt Mal eine Nacht kürzer, das holen sie dann in der nächsten Nacht wieder auf, oder sie verschlafen und wissen es beim nächsten Mal auch.
Es gibt kaum etwas, was Kinder nicht wirklich frei entscheiden können, weil sie die Folgen nicht abschätzen können, aber wie schon gesagt, bei den Themen werden sie entweder fragen oder aber den Rat der Eltern annehmen, oder zumindest anhören, weil sie wissen, dass man ihnen nicht willkürlich was erzählt.
Antwort von Yasemin Weidemeier aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.