Ein Beitrag über die Entscheidungsfreiheit des Kindes zog ein Gespräch per Kommentarfunktion mit sich. Meine Antwort nun zu lang geworden, ich habe sie lieber als neuen Artikel verarbeitet. Ich zitiere hier Michi, die auf besagten Artikel Kommentare hinterlassen hat.
Mit “richtig” und “falsch” meine ich Entscheidungen, die ein Kind schädigen können.
Ok… vielleicht einigen wir uns auf die Wörter “schädigende” und “nicht schädigende” Entscheidungen. Dabei muss es sich um objektive Schäden handeln, also Arm ab, Karies an bleibenden Zähnen, Tod, nachweisbare (?) Gehirnschäden etc.
Ja, Du hast Recht: Auch Erwachsene lernen ständig und reifen. Und dennoch ist es ja so, dass gerade in der Kindheit extrem stark reift und passiert, was sich dann im fortgeschrittenen Alter abschwächt.
Das würde ich erst Mal anzweifeln. Ich selbst kann darüber keine sichere Aussage machen, weil ich es nicht weiß. Weißt du es? Woher? Ist es “nachgeplappert” – oder hast du diese Erfahrung wirklich selbst gemacht? Wie hast du dein “Wissen” darüber überprüft?
Meiner Erfahrung nach entwickeln wir uns immer weiter, gerade im Gehirn, der Rest wächst ja nicht mehr irgendwann. Ich erlebe mich selbst als ständig in Entwicklung. Für viele Menschen mag es stimmen, dass es sich im fortgeschrittenen Alter abschwächt. Ich weiß nicht, ob es für alle gilt? Wenn du meinst, ja – woher weißt du das konkret?
Ich kann mir gut vorstellen, dass du vollkommen Recht hast! Ich (hinter)frage nur, weil man oft einfach nur wieder gibt, was man irgendwo gelesen, gehört hat, im Grunde weiß man es aber eben nicht wirklich. Es reicht nicht, es im “Spiegel” gelesen zu haben – es ist interessant, wenn man so was im Spiegel liest – im Grunde sagt das aber nichts über den Wahrheitsgehalt aus. (Ich will dir nicht unterstellen, dass du es “nur” im Spiegel oder sonst wo gelesen hast, wie gesagt, ich hinterfrage es nur einfach.)
Wichtig: Ich will das nur am Rande anmerken, für meine Argumentation ist dieser Punkt nicht wirklich relevant. Ich basiere meine Argumentation also ausdrücklich nicht (!) einfach nur darauf, dass man diese “Erkenntnisse” bezüglich Reifung des Gehirns/Schädigung des Gehirns durch Fernsehen “anzweifeln” kann.
Allerdings versteh ich jetzt nicht, warum Du die Erwachsenen mit einbeziehst, es geht hier ja um die Kinder.
Ja, aber angenommen, die Gehirne der Erwachsenen und Kinder reifen gleichermaßen stetig im Laufe der Zeit, ohne nennenswerten Unterschied, dann wäre es sinnlos, Fernsehkonsum den einen zu untersagen bzw. einzuschränken, und den anderen nicht. Kommt also beim Hinterfragen heraus, dass es doch nicht so absolut ist, wie zunächst angenommen/gelesen, zieht das Argument einfach nicht mehr.
Das also bezieht sich auf meine Annahme, dass Kinder lernen und nicht von Anfang an alles können. Sollte ich mit meiner Annahme Recht haben, dann stellt mir also die Frage, wie sie in der Lage sein sollen, immer die richtige nicht schädigende Entscheidung zu treffen (Definition von “richtig” s.o.) obwohl sie ja erst dabei sind, zu lernen.
Wenn sie dabei sind, eine eindeutig schädigende Entscheidung zu treffen, ist es dein Job als Elternteil, hier helfend und unterstützend “einzugreifen”. Am liebsten, indem du ihnen dabei hilfst – ohne Erziehung – die Dinge, die sie tun wollen, auf eine nicht schädigende Art zu tun; im Notfall, indem du sie von der Gefahrenquelle entfernst. Es ist irrelevant, ob die Schädigung unmittelbar oder nicht ist.
Wen z.B. ein Nichterzieher einem 3-jährigen Kind den Hinweis gibt, das zu viel TV agressiv und unkonzentriert machen kann oder zu Alpträumen führen kann (und an keiner der drei zuvor genannten Folgen zweifle ich), dann kann sich das Kind das zwar anhören, aber es trifft trotzdem seine eigene Entscheidung.
Du sagst, dass TV agressiv und unkonzentriert machen kann und zu Alpträumen führen kann. Meinst du, dass das bereits passiert, wenn man es z.B. ein Mal quasi testet? Präventiv das Kind zu erziehen/zwingen, weil etwas passieren kann, was im Fall deines Kindes also vielleicht gar nicht eintritt, ist ja noch gemeiner als auf konkret und 100%ig zu erwartenden Konsequenzen hin zu erziehen.
Wenn die Angst besteht, dass eine Schädigung erfolgen könnte, würde ich mich freier fühlen, wenn ich die Wahl hätte: Kann ich auch anders als mit Erziehung dieser Befürchtung begegnen? Kann ich vielleicht überprüfen, ob diese Schädigung in unserem Fall überhaupt ein Risiko darstellt?
Im Falle vom Kind, das vor die Straßenbahn rennt, kann ich nix großartig ausprobieren. Beim Fernsehen könnte ich durchaus Mal schauen, was passiert, wenn mein Kind mehr als generell empfohlen fernsieht. Wird es denn aggressiv? Wird es wirklich durchs Fernsehen aggressiv? Woran liegt es genau? (Da kann es ja Millionen Gründe geben: Wegen der Art der Sendung, weil es während dessen nicht genügend Nahrung bekommen hat, weil es alleine schauen musste, weil es gezwungen war, irgendwas zu gucken, was es nicht gucken wollte, weil seine Eltern gar keine Zeit hatten und es einfach nur bequemer war, ihn vor dem TV abzusetzen… etc. etc.) Genauso müssen die anderen “Gefahren” überprüft werden – wenn es geht.
Mein Sohn ist jetzt drei Jahre alt. Er hat sich die ersten 2,5 Jahre seines Lebens nie die Zähne geputzt. Wir hätten ihn zwingen können, weil er die Langzeitschäden in dem Alter definitiv nicht einschätzen konnte. Ich bin sicher, es gibt Menschen mit sehr schlechter Zahnsubstanz, deren Zähne sehr schnell reagieren. Genauso gibt es Menschen, die einfach super Zähne haben. Die Möglichkeit bestand, dass unser Kind Karies bekommt. Wir konnten nicht wissen, ob es wirklich passieren wird.
Wir haben es geschehen lassen und haben nicht zu Zwang gegriffen – wir haben aber regelmäßig überprüft, ob es irgendwelche auffälligen Stellen gab. Es gab aber schlicht keinen Handlungsbedarf bei ihm. Weder hat er jemals Zahnschmerzen bekommen, noch sieht irgendein Zahn auch nur irgendwie getrübt aus. Wenn, werden ja nicht alle Zähne auf einmal von einem Tag auf dem anderen irreparabel schwarz. Ich schätze, das gleiche gilt für das Gehirn, es wird nicht von einem Tag auf dem anderen irreparabel geschädigt.
Wenn ich jedoch Anzeichen gesehen hätte, dann hätte ich kreativ werden müssen. Wir waren dann auch irgendwann beim Zahnarzt, und er hat auch offiziell festgestellt: keine Karies. Wozu also aufs Putzen bestehen? Mittlerweile putzt er freiwillig jeden Abend (mit wenigen Ausnahmen, bzw. zur Zeit hat er gerade eine Phase, in der er es nicht macht :)).
Ein weiterer wichtiger Punkt: Eltern, die auf Erziehung verzichten wollen, stellen außerdem solchen “Gefahren” wie Fernsehen oder Karies, noch andere Gefahren gegenüber, nämlich Erziehungsschäden gegenüber (die nicht nur empirisch nachgewiesenen, sondern auch selbst erfahrenen wurden). (Ich betone hier die “Selbsterfahrung”, ich schrieb ja oben, dass oft nur nachgeplappert wird, was irgendwo gelesen wurde, eigene Erfahrungen hat man nicht immer. In diesem Fall ist es (meistens) nicht so.)
Was passiert im Gehirn eines Kindes, wenn es erzogen wird? Was passiert mit seinem Selbstvertrauen? Was passiert im Gehirn eines Kindes, wenn es unter Zwang steht? Was passiert mit seinem Instinkt? Was passiert mit seiner Würde? Was passiert mit seiner Fähigkeit zu lieben? Was passiert mit der Beziehung zu seinen Verwandten und zu seiner Umgebung? Was passiert mit einem Gehirn eines Kindes, wenn es gedemütigt wird (indem z.B. die Entscheidungskompetenz abgesprochen wird)? Was passiert im Gehirn eines Kindes, wenn man es nicht ernst nimmt? etc.
Hast du, als Erwachsene, die ja die Folgen (angeblich) besser abschätzen und daher auch besser entscheiden kann, denn auch diese möglichen Konsequenzen (möglicherweise schädliche, wie es hier postuliert wird) mit in deine Abwägung einbezogen?
Um die nicht schädigende – oder am wenigstens schädigende – Entscheidung für dein Kind zu treffen, müsstest du dich mit den behaupteten Schäden von Erziehung genauso auseinander setzen, wie mit den behaupteten Schäden von Fernsehen.
Edit: Mir ist im Nachhinein aufgefallen, dass es dir ja eigentlich um schädliche Auswirkungen geht, die sich erst Jahre später auswirken können. Wenn du dir so sicher bist, dass diese Jahre später auch eintreten werden—dann wirst du wohl entsprechend handeln. Nichterzieher würden sich wohl noch Mal doppelt und dreifach erkundigen, ob diese Wirkungen tatsächlich zu erwarten sind, wie man diese minimieren kann etc. Und natürlich handelt es sich um die Erziehungsschäden ganz genauso um mitunter erst viel später sichtbare, manchmal sehr schwer widerrufliche Folgen… In deinem Beispiel sind es allerdings doch recht unmittelbare, überprüfbare Folgen (Alprträume, Aggressivität), außer die schwache Konzentrationsfähigkeit, die wohl erst in der Zukunft auftreten soll.]
Und wenn die dann so aussieht, dass es lange TV gucken will und dann agressiv wird oder Alpträume hat, was dann?
Dann hilfst du ihm, wenn es leidet, oder du hilfst denjenigen, die unter diesen Auswirkungen leiden. Oder hilfst dem Kind, das zu tun, was es tun will (fernsehen), so, dass es nicht schädlich ist. Vielleicht findest du heraus, was genau Alpträume erzeugt und wirkst dem entgegen (mit dem Kind reden oder andere Filme auswählen, morgens gucken statt abends… nur als Beispiele). Im Notfall, wenn es offensichtlich ist, dass TV viel Leid erzeugt, wirst du eben auch drastische Entscheidungen treffen – wenn alle sanften, kreativen und wohl überlegten Lösungen so gar nichts gebracht haben – und das will ich dir auch gar nicht absprechen.
Noch Mal am Rande: Was meinst du, werden Kinder durch Erziehung nie aggressiv? Kriegen nie Alpträume durch die Interaktionen mit ihren erziehenden Eltern? Bekommen nie Konzentrationsschwierigkeiten (ich denke da z.B. an Situationen in der Schule, nach einem Streit mit den Eltern… oder ganz einfach Test-Situationen in der Schule, die ja auch Erziehung sind (viele Kinder können sich gerade zur Klausur nicht konzentrieren…); Kinder, die sich “nicht konzentrieren” können, wenn sie Mal wieder einem Sermon ihrer Eltern anhören müssen, und schon längst abgeschweift sind…) :)
Abgesehen davon, ist es doch so: Du selbst findest die Welt doch viel interessanter als TV, oder? Was hast du deinem Kind zu bieten? Warum will es “lange TV” gucken? Will es dann immer lange TV gucken, oder nur für ein paar Tage? Wolltest du noch nie “lang” TV gucken? Und am nächsten Tag lange Sex haben? Oder lange baden? Oder lange lesen? Oder lange nix machen?
Die Frage nach dem Warum ein Kind lang TV gucken will, finde ich absolut essentiell, um überhaupt eine Entscheidung zu treffen. Es gibt meiner Meinung nach drei Möglichkeiten:
Entweder, es hat bislang nicht selbst entscheiden können, und will jetzt erst Mal nur seine Freiheit auskosten. Der Fernseher ist gar nicht das, was er “lange” machen will, er will “lange” einfach Freiheit haben. Das halte ich für legitim, und im Sinne einer gesunden Gehirnentwicklung sehr wichtig.
Oder alles andere, was seine Umgebung zu bieten hat, ist nicht spannend genug, jedenfalls nicht spannender als Fernsehen. Dann liegt die Lösung darin, entweder dem Kind das spannendste, was sein Leben zu bieten hat, zu lassen, oder sein Leben spannender zu machen.
Die dritte Möglichkeit ist, das Kind profitiert so ungemein vom Fernsehen, dass es sich deshalb nicht davon lösen möchte. Wenn das der Fall ist, wäre es ja schade, das Kind in seiner Entwicklung zu stören. Es würde mich allerdings sehr wundern, wenn ein Kind, dessen Leben Spannung bietet und seine Neugier befriedigt, und das ansonsten keine Einschränkungen bezüglich Fernsehen erfährt, in dieser dritten Möglichkeiten allzu lange verweilt. Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nur um eine Phase, wie wenn man eine Weile seine Brote ständig mit Honig schmiert oder ständig ein bestimmtes Thema in den Medien verfolgt. Sollte es sich um eine solche Phase handeln, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass diese von Aggressivität etc. geprägt ist. Sollte das der Fall sein, wird der Nichterzieher bestimmt ganz kreativ mit dieser Phase umgehen lernen :)
Soll jedenfalls eine Entscheidung getroffen werden, müsste meiner Meinung nach:
- überprüft werden, ob dieses “Wissen” um die “Schädlichkeit” wirklich richtig ist, oder ob es in der Tat nur nachgeplappert wird
- wenn möglich an der eigenen Situation überprüft werden
- überprüft werden, ob die möglichen “Schäden” im Verhältnis zu den möglichen Erziehungs-”Schäden” stehen bzw. in welchem
- überprüft werden, ob es sich um eine Phase handelt, die auf Einschränkung folgt
- überprüft werden, ob lediglich mangelnde Spannung im Leben das Problem hervorruft
- überprüft werden, ob es sich um eine wichtige Entwicklungsphase handelt.
Ein anderes Beispiel wäre ein 2,5 Jahre altes Neurodermitis-Kind, das auf Schokolade heftige Hautreaktionen zeigt. Es möchte gerne die Schokolade haben, ich sage ihm, was dadurch mit seiner Haut passieren kann und dennoch entscheides es sich dafür.
Ich habe seit ich 12 bin an meinen Händen auch einen schlimmen Ausschlag mit starken Juckanfällen (bis zu blutig kratzen). Es ist nicht ND, aber sehr ähnlich. Ich entscheide mich trotzdem oft bewusst für Nahrungsmittel, die das Jucken verstärken. Warum darf das ein Kind nicht? Die Neurodermitis geht sowieso nie weg. Ich kenne nur ganz seltene vereinzelte Fälle, bei denen Neurodermitis aufgehört hat. Ansonsten begleitet sie einen lebenslang und nervt so schon total. Juckt auch trotzdem, auch wenn ich Mal nichts besonderes esse, kann es auch so einfach kommen, z.B. durch Stress (was auch durch Erziehung kommen kann ;)).
Kann es wirklich schon so abstrakt denken, dass es das Prinzip von Ursache (Schokolade essen) und Wirkung (heftige Juckanfälle einen halten Tag später, die starke Medikation bedürfen) erfassen kann?
Nein, wahrscheinlich nicht. Wenn du bemerkst, dass es das nicht kann, dann wirst du als Elternteil eben reagieren.
Wenn starke Medikation erforderlich sein wird, die weitere Schäden nach sich zieht (ist bei mir nicht der Fall), und sich das Kind womöglich dann auch dagegen wehrt, aber auch durch die Schmerzen oder durch den Juckreiz leidet, dann würde ich wohl auch eingreifen, präventiv. Ich hätte dann wohl aber auch einfach generell keine Schokolade im Haus. Für unterwegs hätte ich Ausweich-Süßigkeiten (für wenn das Kind bestimmte Dinge angeboten bekommt) und würde mich grundsätzlich kundig machen, welche Rezepte, welche Arten von Süßigkeiten, welche Kombinationen meinem Kind schmecken und als Ersatz dienen könnten.
Auf Erziehung und Zwang zu verzichten, ist nicht leicht. Manchmal gibt es Situationen, da weiß man nicht weiter. Es hilft, sich dann mit anderen auszutauschen, denen es ähnlich geht. In der Mailingliste z.B. sind auch welche angemeldet, deren Kinder Neurodermitis haben. Ich würde Eltern von ND-Kindern empfehlen, sich mit anderen auszutauschen, wie sie ohne Erziehung solche Situationen handhaben. Es gibt keine Pauschallösung für alle – das gilt für alle Bereiche des Lebens, wenn man nicht erzieht – daher kann ich dir jetzt auch nicht sagen, was du dann genau machen könntest.
Bei Erziehung, da gibt es Pauschallösungen. Es gilt weder “Kinder mit Neurodermitis sollen keine Süßigkeiten essen” noch “Sie sollen auf jeden Fall selbst entscheiden” für alle Kinder, die Neurodermitis haben. Auch wenn du dich für dein Kind für irgendwas entscheidest, dann gilt das auch nicht pauschal und für immer. Die Bedürfnisse ändern sich. Die Situation ändert sich. Manchmal hast du Kraft und bist voller Kreativität, manchmal kannst du lediglich das schlimmste verhindern. Mit 3,5 kann hat das Kind vielleicht ja doch die Konsequenzen abzuschätzen gelernt. Oder halt mit 4 oder vielleicht erst mit 9. Vielleicht lernt es das nie, wenn es die Konsequenzen nicht erfahren kann, weil du sie immer verhinderst. Vielleicht probierst du es aus und es kratzt sich dann zum 5. Mal heftig, bis es dich selbst darum bittet, die Schokolade aus dem Haus zu schaffen. Vielleicht merkst du nach dem 5. Mal, dass es eigentlich gar nicht so schlimm ist, und dass die Harmonie, die durch die Nicht-Einschränkung entstanden ist, alles aufwiegt. Vielleicht entsteht nur noch mehr Stress und die Situation gerät außer Kontrolle…
Ich könnte jetzt ewig weiter verschiedene mögliche Ausgänge schildern – worauf ich hinaus will: Bei Nichterziehung gibt es nur das Prinzip des Nichterziehens – keine Rezepte wie “Bringen Sie Ihr Kind um 20.00 ins Bett. Setzen Sie ihm Grenzen. Es sollte nur 1 Stunde am Tag fernsehen.” Es gibt: Achtung, Würde, Respekt, Freiheit, Autonomie, Gleichberechtigung…. etc. Wenn dein Kind in Gefahr ist, dann schaust du, dass du mit der Situation so umgehst, dass sie diese Prinzipien einhält. Wie das aussieht, hängt von tausenden Faktoren ab!
Wichtig finde ich in diesem Zusammenhang: Als Eltern hat man oft das Gefühl, man müsste jetzt sofort etwas für die ganze Zukunft entscheiden—und wenn man das “falsche” entschieden hat, hat man alles kaputt und falsch gemacht. Wie wir uns schon einig waren: Auch wir entwickeln uns. Auch wir als Eltern machen Fehler. Auch wir können was ausprobieren und dann entsprechend handeln. Wenn du deinem Kind uneingeschränkten TV-Konsum erlaubst, und du ganz eindeutiges Feedback bekommst, dass es deinem Kind nicht gut tut: es wird eindeutig durch das Fernsehen aggressiv, es kann sich überhaupt nicht mehr konzentrieren und hat jede Nacht Alpträume – dann tu um Gottes Willen was. Nichterziehung sagt nicht: “Mach einfach gar nichts, lass dein Kind alles alleine regeln.” Sie sagt einfach nur: erziehe dein Kind nicht. Erziehung ist in diesem Zusammenhang sehr eng definiert: Gezielte Menschenformung (extrem kurz gefasst).
Du schreibst ja in Deinem vorigen Beitrag, dass Du selbst meinst, dass ein Kind das noch nicht kann (abstrahieren). Daher frage ich mich, wie man als liebende und verantwortungsvolle Mutter seinem Kind langen TV-Konsum erlauben kann, wenn man doch weiß, dass ein Kind die Langzeitfolgen nicht abschätzen kann (ich als Mutter aber schon).
Also zunächst Mal, ganz “rein” genommen, ganz theoretisch: Bei Nichterziehung kannst du noch nicht Mal “erlauben”. Wenn du nicht mehr “nicht erlauben” willst, dann kannst du auch nicht “erlauben”, denn das sind zwei Seiten der gleichen Medaille – da wird vorausgesetzt, dass einer eben oben steht und irgendwas “erlaubt” oder “nicht erlaubt”. In gleichberechtigten Eltern-Kind-Beziehungen sind Eltern nicht irgendwo “oben” (aber auch nicht “unten”, und auch nicht immer “nicht oben” und auch nicht immer “nicht unten”... das ist wieder ein anderes Thema). Aber das ist jetzt auch nur wieder am Rande – ich verstehe natürlich, was du meinst.
Wenn du die Langzeitfolgen mit Sicherheit abschätzen (und mit den Langzeitfolgen von Erziehung/Zwang abwägen) kannst, und sich diese als schädlich für die Entwicklung des Kindes auswirken, wirst du es mit deinem Gewissen und deinem natürlichen Drang nach Sicherheit für dein Kind nicht vereinbaren können, nicht einzugreifen.
Nichterziehung bedeutet nicht pauschal: Lasst eure Kinder alle fernsehen, so lange sie wollen! Nichterziehung bedeutet auch nicht, dass du deinen gesunden Menschenverstand ausschalten sollst. Wenn du kannst, überprüfe deine Ängste auf Richtigkeit (wird das Kind wirklich “aggressiv”?), wäge die Konsequenzen ab (und vergiss dabei die Erziehungsfolgen nicht), schaue, warum das Kind ein sich selbst schädigendes Verhalten (!) maßlos betreiben möchte (hat es genügend Anregung? wurde es vorher in seiner Freiheit eingeschränkt?) ... und wenn du entscheidest, eingreifen zu müssen, suche nach möglichst nach Wegen, erziehungsfrei einzugreifen ;)
Ich persönlich finde, wenn man Fernsehen nach allen Abwägungen so schlecht findet, dass man meint, andere müssten per Zwang davon abgehalten werden, dann sollte man gar keinen Fernseher zu Hause haben. Das fände ich ehrlich (allerdings stellt sich die Frage, was dann passiert, wenn sich die Kinder irgendwann einen Fernseher eben wünschen) und integer. Alles andere ist für das Kind ein unverständliches Wischi-Waschi, dass die Beziehung nur stören kann und somit scheinbar immer mehr Erziehung erfordern wird, bis sich ein böser Kreislauf entwickelt, der immer schwerer zu durchbrechen sein wird.
Du beantwortest meine Farge nach dem Abstraktionsvermögen von kleinen Kindern zwar deutlich mit NEIN, lenkst dann aber ab, ob ich das als Erwachsene kann. Es geht nicht darum, was ich als Erwachsener kann (obwohl ich durchaus der Ansicht bin, dass ich durchaus viele Langzeitfolgen meiner Entscheidungen absehen kann. Zumindest aber VIEL VIEL MEHR UND AUCH VIEL VIEL ÖFTER, als es bei kleinen Kindern der Fall ist). Aber wie gesagt: es geht nicht darum, ob ICH es kann, sondern ob ein Kind das kann. Denn davon ist ja abhängig, ob ich als Mutter eingreifen muss oder nicht.
Sorry, dass es bei dir als Ablenkungsversuch angekommen ist. Ich habe häufig den Eindruck, dass Erwachsene viel auf ihr “Vermögen” geben, Konsequenzen einschätzen zu können, dies aber in der Tat häufig nicht der Fall ist. Z.B. lassen viele die Erwägung von Erziehungsfolgen völlig außer Acht. Ich wollte wohl ausdrücken, dass wir meiner Meinung nach nicht VIEL VIEL mehr und VIEL VIEL öfter die Langzeitfolgen abschätzen können, sondern nur ein bisschen mehr, mehr nicht.
Bei ganz vielen Dingen kannst du auch überhaupt gar nicht wissen, wie es sich jemals auswirken wird, gerade bei Erziehung nicht. Wann würde man das auch messen wollen? Wenn das Kind 18 – fertig “gebacken” – ist? Wenn es 30 und depressiv ist, weil seine Freundin ihn verlassen hat? oder mit 40, wenn er ein Sucht entwickelt, oder mit 50, wenn er doch noch die Kurve gekriegt hat? Nie weißt du, wann sich irgendwas zu Ende auswirkt, weil alles unendlich viele Langzeitfolgen hat, die verbunden mit vielen weiteren Faktoren im Leben sich ewig verzweigen können.
Deswegen versuchen Familien, die gleichberechtigt leben, im Jetzt zu leben. Was ist jetzt “richtig” (also fühlt sich gut an), was ist jetzt “falsch” (also fühlt sich schlecht an). An meinen obigen Ausführungen wirst du hoffentlich erkannt haben, dass mir durchaus bewusst ist, dass es manche Bereiche im Leben gibt, wo auch die Zukunft wichtig ist und wir auch als gleichberechtigte Eltern unliebsame, mögliche Folgen nicht einfach ignorieren sollten. Stattdessen werden wir hier ganz besonders durch vernünftiges Hinterfragen und Abwägen aufpassen, dass wir keine Pauschallösungen (Verbote sind immer einfach) aus dem Trickkasten ziehen.
Aber einem Kind zu zeigen – nicht durch Erziehung, sondern indem man es lebt – wie man jederzeit jetzt glücklich sein kann, erhöht die Wahrscheinlichkeit ungemein, dass es auch in Zukunft (in zukünftigen “Jetzts”) wissen wird, wie es dann auch noch glücklich sein kann.
Das Glück von Morgen kann ich jetzt nicht direkt kontrollieren, und durch Zwang und Erziehung wird das Glück von morgen m. E. nur noch unwahrscheinlicher. Zum Glück meines Kindes kann ich aber jetzt sofort sehr viel beitragen :)