Traditionelle Erziehung vs. Gleichberechtigte Eltern-Kind-Beziehungen

Johanna, 10.02.2007

Die folgenden von mir kommentierten Zitate stammen aus einem Text, der Mal in der Unerzogen-Mailingliste zitiert wurde. Als ich ihn damals las, wurde mir klar, dass wir wirklich ganz anders denken. Hier meine Kommentare zu dem in der Hamsterkiste veröffentlichten Text über Lesen und Schreiben. Bitte nicht so ernst nehmen :)

Lesen und Schreiben lernen Kinder nicht nur in der Schule

Lesen und Schreiben können Kinder am besten ohne Schule lernen.

1) Achten Sie darauf, dass Ihr Kind deutlich und artikuliert spricht!

Lassen Sie Ihr Kind einfach in Ruhe und sprechen Sie selbst deutlich und artikuliert, wenn es Ihnen wichtig ist dass Sie deutlich und artikuliert sprechen.

2) Achten Sie darauf, dass Ihr Kind das, was es sagen will, vollständig ausspricht.

Lassen Sie Ihr Kind alles so sagen, wie es das selbst sagen will, sonst sagt es vielleicht irgendwann gar nichts mehr, wenn Sie ständig nörgeln.

3) Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind täglich mindestens 30 Minuten liest!

Lassen Sie Ihr Kind so viel lesen oder nicht lesen, wie es will. Lesen Sie weiter vor, wenn Ihr Kind Ihnen gerne zuhört.

4) Klären Sie mit Ihrem Kind die Bedeutung von Wörtern und Begriffen!

Aber nur, wenn es Sie danach fragt oder Sie offensichtlich merken, dass es etwas sonst missversteht. Lassen Sie Ihr Kind selbst die potenzielle Bedeutung von Wörtern und Begriffen austesten (anhand von Reaktionen: Missverständnis oder Verständnis).

5) Ihr Kind sollte niemals Sch… sagen!

Ihr Kind darf alles sagen! Informieren Sie ruhig über die Bedeutung und Schwere der Wörter, aber verbieten Sie solche Wörter nicht. Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung.

6) Schenken Sie Ihrem Kind Zeit!

VOLLTREFFER! (1 Punkt)

7) Wenn Ihr Kind schreiben kann: Sorgen Sie dafür, dass es regelmäßig Sinnvolles schreibt!

Sorgen Sie dafür, dass es schreiben kann wenn es schreiben will.

8) Achten Sie darauf, dass Ihr Kind seine schriftlichen Arbeiten in einer angemessenen Form erledigt!
Akzeptieren Sie niemals schludrige Arbeiten.

Achten Sie darauf, wie ihr Kind sich über seine schriftlichen Ergüsse – ob schludrig oder in Schönschrift – freut.

9) Achten Sie darauf, dass Ihr Kind schulische Aufgaben selbständig erledigt!

Helfen Sie ihm und schreiben Sie auch Mal selbst ins Heft, wenn es keinen Bock auf die dummen Hausaufgaben hat ;) Wie war das noch, mit dem “was sinnvolles schreiben”?

10) Verzichten Sie auf sinnlose Übungen!

VOLLTREFFER! (wir sind bei 2 Punkten…) (na endlich, ich dacht schon…)

11) Loben Sie Ihr Kind! Das Selbstbewusstsein Ihres Kindes lebt von Ihrer Zuwendung und Anerkennung.

Loben Sie es um Gottes Willen nicht!

Zuwendung und Anerkennung sind die falsche Nahrung für Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein nährt sich von Erfolgen, denen nur des Kindes Maßstab zugrunde liegen sollte.

12) Eltern bestimmen die Regeln, nicht das Kind!

Schaffen Sie Regeln ab! :D

Kinder können unglaublichen Druck machen.

1. Eltern sollten den besser aushalten als Kinder.
2. Eltern und Schule machen noch viel mehr Druck, der währt dann bis ins Erwachsenenalter und wird dann an Kinder ausgelassen.

Auch wenn es schwer fällt, widerstehen Sie dem Durchsetzungsvermögen Ihres Kindes.

Wiederstehen Sie ihm nicht! Seien Sie für Ihr Kind da und erfüllen Sie ihm nach Möglichkeit all seine Wünsche. Freuen Sie sich doch über das Durchsetzungsvermögen und bieten Sie Ihrem Kind noch mehr Werkzeuge an, die man zum Durchsetzen gut gebrauchen könnte.

Lassen sie sich vor allem nicht auf fruchtlose Diskussionen ein.

Lassen Sie sich auf alle Diskussionen ein. Es hat ein Recht darauf. Ohne Regeln gibt es übrigens auch nicht so viele unangenehme Diskussionen.

Geben Sie klare Regeln vor und bestehen Sie auf ihrer Einhaltung.

Ich sagte doch bereits, schaffen Sie die Regeln endlich ab ;)

Halten Sie selbst alles ein, was Sie ankündigen.

Drücken Sie auch Mal ein Auge zu, so —> ;)

Organisieren Sie Ihren und den Tagesablauf Ihres Kindes planvoll.

Seien Sie spontan und folgen Sie den Bedürfnissen Ihres Kindes, nicht denen Ihres Terminkalenders.

“Immer nur zu schimpfen hilft nicht.

Tatsache!?

Ein gelegentliches Donnerwetter schadet jedoch nicht.

Schadet doch! Ist aber auch trotzdem normal, dass es passiert. Machen Sie’s wieder gut und erklären Sie Ihrem Kind die Zusammenhänge (ich war sauer weil… es war nicht richtig, weil… tut mir Leid, ich konnte nicht…)

13) Beschränken Sie radikal den Fernsehkonsum Ihres Kindes!

Lassen Sie ihre Kinder TV gucken, wann und was sie wollen!

Für Kinder unter 6 Jahren sind nur sehr wenige Fernsehsendungen geeignet.

Die Ungeeigneten wird es nicht sehen wollen. Die geeigneten wird es sehen wollen. Für die dazwischen wird es Sie vielleicht brauchen. Begleiten Sie es.

Kinder brauchen Zeit, Bilder zu begreifen und zu verarbeiten. Ihre ersten Bücher schauen sie immer und immer wieder an und sie möchten sie immer und immer wieder vorgelesen haben. Das Fernsehen bietet ihnen diese Möglichkeit nicht.

:) Schon Mal was von Videorekorder gehört? DVD? Ehrlich nicht? Meine Tochter (7) beschwert sich übrigens, dass so viele Sendungen im Fernsehen immer wieder wiederholt werden ;)

Schlag auf Schlag folgen Bilder und neue Sinnesreize. Die Kinder sind zwar fasziniert, aber sie verstehen das meiste nicht.

Videorekorder.

Noch nie verwunderte Eltern gesehen, weil ihr Kind Film X schon “tausend Mal” gesehen hat? Es hat einen Grund, warum sie das wollen. Nicht weil sie “süchtig” sind, sondern weil sie genau diese Wiederholung brauchen und wollen, um die Bilder zu verstehen. Daher müsste es sogar schädlich sein, den Konsum zu beschränken, da die Kinder keine Gelegenheit erhalten, die Sendungen so oft zu wiederholen, bis sie “das meiste” verstehen können.

14) Ihr Kind darf auf keinen Fall einen eigenen Fernseher im Zimmer haben!

Folgen Sie Ihrem Bauch und den Beschlüssen der Familienkonferenz. Ist denn das Kinderzimmer des Kindes etwa ein Zimmer, wo Sie nie hingehen? Warum denn nicht? Gehen Sie doch mal hin – los, los!

15) Grundschulkinder sollten nur am Wochenende fernsehen!

Kinder sollten gar nicht erst die Grundschule besuchen ;) Wenn doch, sollten sie wenigstens mit ihrer Freizeit das anstellen können, was sie wollen. Ob Nachmittag oder Wochenende oder Schwänztag :D

Sie sind durch Schule, Hausaufgaben und Freizeitaktivitäten voll ausgelastet.

Ja eben, und die Armen dürfen sich noch nicht Mal mit Fernsehen entspannen! Aber die Erwachsenen dürfen das jeden Abend nach der Arbeit. Tz tz tz…

16) Sehen Sie grundsätzlich alle Sendungen, die Ihr Kind sieht, mit ihm gemeinsam an!

(0,5 Punkte ;))

Schauen Sie Mal rein, aber machen Sie keinen Grundsatz draus. Das soll doch nur ein Trick sein, damit die Kinder so wenig wie möglich schauen ;) Wenn Ihr Kind Sie dabei haben will, dann braucht es Sie.

Schauen Sie auch deshalb Mal rein, um zu verstehen, was Ihr Kind so faszinierend findet. Welche Bedürfnisse werden da befriedigt, um die Sie sich vielleicht anderweitig kümmern könnten? Worum geht es genau in den Sendungen? Meine Tochter mag z.B. am meisten Krimi-Sendungen (für Kinder) und alles, was mit Ägypten zu tun hat. Dieses Interesse hat sich auf Bücher, PC-Spiele und Museen ausgeweitet. Das wäre nicht so einfach gewesen, hätte ich über dieses Interesse nicht erfahren und es dadurch auch unterstützen können.

Nur so haben sie Gewissheit, was Ihr Kind wirklich sieht.

Ach so, nur so kann ich mein Kind 100%ig kontrollieren.

Ganz wichtig ist, das das Kind mit Ihnen anschließend über die Sendung spricht.

Sprechen Sie mit Ihrem Kind, wenn es Fragen hat, und drängen Sie keine langweiligen Gespräche auf, die für Ihr Kind uninteressant sind! (Und sprechen Sie mit Ihrem Kind auch einfach so!)

17) Gönnen Sie sich und Ihrem Kind ab und zu einen kuscheligen Familien-Fernsehabend!

(Puh, dabei habe ich gehofft, nicht noch einen Punkt geben zu müssen ;))

Trotzdem nur 0,5, denn: Tun Sie dies nicht “ab und zu” sondern einfach “wann immer Sie bzw. Sie beide wollen”.

18) Beschränken Sie radikal den Konsum elektronischer Spiele am Computer oder an Spielkonsolen!

Schenken Sie Ihrem Kind einen Computer, Spielkonsolen und Spiele :D Ihr Kind lernt und übt damit wichtige Fähigkeiten. Lesen Sie das hier von Joyce Fetteroll

“Erwachsene in dieser Gesellschaft finden, dass Kinder mit Videospielen Zeit verlieren. Kinder wissen es besser! Videospiele sind extrem herausfordernde Rätsel! Sie sind wie Schach mit neuen Regeln für jedes Spiel. Computerspiele erfordern Orientierung, 3-dimensionale Vorstellungskraft, Lesen, mathematische Konzepte, Strategie, Planung… sogar wenn Kinder “schummeln” (z.B. die Komplettlösung konsultieren), gebrauchen sie gute Techniken, um Probleme zu lösen. (Wenn Sie als Erwachsener z.B. wissen, jemand hat bereits eine gute Lösung für einen nervigen Teil des Problems gefunden, ist es eine gute Strategie, diese Lösung auszuprobieren, damit man dann weitergehen kann und sich wichtigeren und interessanteren Teilen des Problems widmen kann).”

Lesen Sie außerdem das hier:

Don’t Bother Me Mom–I’m Learning How Computer and Video Games Are Preparing Your Kids For 21st Century Success–and How You Can Help! by Marc Prensky

Fachleute sagen uns, dass die Schulleistungen durch den übermäßigen Gebrauch elektronischen Spielzeugs massiv leiden.

Die Daten der Fachleute basieren auf Kindern, die durch obige Punkte gequält werden…

19) Verlassen sie sich nicht nur auf die Schule!

Verlassen Sie sich gar nicht auf die Schule (und schreiben Sie doch mal “Sie” groß, waren Sie etwa nicht in der Schule? ;)) Sagen Sie Ihrem Kind, dass Ihnen Noten und das, was der Lehrer über ihn denkt, egal ist. Zeigen Sie ihm, dass Lernen überall und vor allem außerhalb der Schule stattfindet – und vor allem im Kopf des Kindes selbst, unabhängig von Lehrern, Schulen und Fächern.

20) Eine vermutete oder diagnostizierte Lese- und Rechtschreibschwäche ist noch lange keine Lösung!

Stempeln Sie bitte Ihre Kinder nicht ab.

Bedürfnisse

Johanna, 28.11.2006

Generell wird gerne zwischen “Bedürfnissen” und “Wünschen” unterschieden. Die Unterscheidung zwischen Wunsch und Bedürfnis wird z.B. gemacht, wenn man sagt, diese eine Aufgabe muss gemacht werden, die andere Tätigkeit ist nur ein Wunsch. Meine Tochter will nur laut Musik hören (Wunsch), ich muss schlafen (Bedürfniss). Ich will nicht leugnen, dass es “Bedürfnisse” gibt – aber eigentlich sind sie im Endeffekt, und vor allem für Kinder, das selbe. Für Kinder sind das entweder alles “Wünsche”, oder alles “Bedürfnisse”.

Indem man behauptet, Bedürfnisse “müssten” erfüllt werden, während Wünsche quasi nur Luxus sind, verleiht man Bedürfnissen eine besondere Macht, eine besondere Gewichtung: Bedürfnisse stehen in der Prioritätsskala höher als Wünsche.

Das spüren Kinder – Und das spüren Eltern! Deshalb sagen sie bei manchen Sachen: “Wir müssen X machen”, obwohl sie oftmals sagen könnten “Wir wollen X machen” oder “Ich möchte X machen”. Dann aber könnten die Kinder theoretisch “nein” sagen. Die Eltern fürchten, dass ihre Bedürfnisse (oder eben Wünsche) zu kurz kommen (Schlaf, Einkauf, Arbeit, ein schöner Abend nur zu zweit…), und daher nutzen sie das Wörtchen “muss”. Das Wort “Bedürfnis”, ob ausgesprochen oder in unseren Köpfen, rechtfertigt, dass wir zu dessen Durchsetzung die Freiheit anderer einschränken dürfen – es “muss” ja gemacht werden, da müssen wir durch.

Von Geburt an sind wir eigentlich frei. Diese Freiheit wird Stück für Stück von uns abtrainiert, indem (unter anderem) genau diese Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Wunsch gemacht wird. Wenn ein Kind irgendwas will, ist es ihm erst Mal völlig gleichgültig, ob das jetzt ein “Bedürfnis” ist, oder ein “Wunsch” – es will es einfach. Genauso macht es vorerst keine Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Wunsch eines Erwachsenen – bis das erfolgreich durch Erziehung antrainiert wird. Wer übrigens entscheidet, was ein Bedürfnis und was ein Wunsch ist, ist sowieso eine gute Frage (meistens entscheiden das nämlich die Eltern), und ob die Erfüllung der Wünsche nicht letztendlich auch ein Bedürfnis des Menschen ist, ist auch nicht geklärt.

Wenn wir sagen “Ich möchte heute einkaufen gehen” oder “Ich möchte, ich wünsche, dass ihr mit mir einkaufen geht”, sagt man eigentlich “Das ist mein Wunsch, du bist eingeladen mitzukommen – und du bist frei, frei zu entscheiden, ob du das eventuell auch möchtest.” Das kann Angst machen, vor allem, wenn man das nicht schon immer so gehandhabt hat (und daher erst Mal sehr oft “nein” hören wird). Wenn man schon so oft auf die “Bedürfnisse” gepocht hat, und mit ihrer Erlaubnis die Freiheit der Kinder eingeschränkt hat, werden Kinder nämlich weder Wünsche noch Bedürfnisse ernst nehmen – für sie ist es einerlei und schränkt ihre Freiheit ein. Dann ist es kein Wunder, wenn sie bei beiden “trotzen” oder versuchen ihre Wünsche durch Machtanwendung in “Bedürfnisse” umzuwandeln (→ “Machkampf”).

Wenn Menschen die Freiheit haben, Wünschen mit einem “nein” zu begegnen, und ihre eigenen Wünsche nicht zu kurz kommen, haben sie keinen Grund, ihre Wünsche “Bedürfnisse” zu nennen und/oder durch ein “nein”, ihre Freiheit schützen zu müssen.

Oder anders:

Wenn Menschen die Freiheit haben, Bedürfnissen mit einem “nein” zu begegnen, und ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen, haben sie keinen Grund, Bedürfnisse anderer als “nur Wünsche” abzutun, um ihren eigenen Bedürfnissen mehr Gewicht zu geben.

Wenn man zwischen Bedürfnissen und Wünschen unterscheidet, wird man oft vor einer Art Wettkampf (Machtkampf) stehen: Welches unserer “Bedürfnisse” ist “höher”, welches ist eigentlich “nur” ein Wunsch? Wenn du dein Bedürfniss erfüllt kriegst, kann ich nicht meinen Wunsch erfülle, oder umgekehrt. Meins ist aber eigentlich ein Bedürfnis – nein, es ist nur ein Wunsch. Wenn du laut Musik hörst, kann ich nicht schlafen – ich muss schlafen, dein Wunsch nach lauter Musik ist nicht “gültig”, nicht “gewichtig” genug.

In einem nächsten Schritt geht es daher darum, die Wünsche/Bedürfnisse aller in der Familie miteinander vereinbar zu machen. Da “muss” ;) man oft kreativ sein. Aber da es eigentlich in der Natur des Menschen liegt, frei zu sein, wird es auf lange Sicht nicht so schwer sein, kreativ zu sein, um Lösungen zu finden, die die Freiheit aller in der Familie beachten, weil jeder daran ein Interesse hat, frei zu sein. Wir müssen uns nur “abtrainieren”, Wünsche und Bedürfnisse so heftig zu unterscheiden. Kopfhöhrer oder Ohropax könnten das Problem lösen, Übernachten bei einer Freundin oder in einem anderen Zimmer ebenfalls (um nur ein paar Lösungsvorschläge für das Beispiel zu nennen).

Wenn Familien gelernt haben, alle Wünsche und Bedürfnisse gleich wichtig zu nehmen und sie möglichst alle zu erfüllen und miteinander vereinbar zu machen, haben Kinder weder einen Grund, bei der Erfüllung der Wünsche anderer Familienmitglieder nicht mitzuwirken, noch einen Grund, ihre Wünsche “Bedürfnisse” zu nennen, damit wenigstens manche davon erfüllt werden (müssen).

Ich bevorzuge es, Wünsche und Bedürfnisse gleichsam “Bedürfnisse” zu nennen, weil ich sie gleich wichtig finde. Mir ist schon klar, dass es theoretisch eine Unterscheidung gibt – es geht mir hier nur darum, beiden Begriffen die selbe Wichtigkeit zu geben. Es ist klar, dass wenn es hart auf hart kommt (Krieg, Hungersnot…), Bedürfnisse höher stehen – aber zum Glück leben wir nicht im ständigen Notfall. Zudem bin ich überzeugt, dass im Notfall auch Kinder die Notwendigkeit der Unterscheidung und der Prioritätensetzung begreifen.

Warnung:

Wurde ein Kind in seiner Freiheit eingeschränkt und will man dies nicht mehr tun, braucht es eine gewisse Zeit (das kann sich über Monate hinziehen), bis es wieder Vertrauen hat und bis es genug Freiheit “nachgeholt” hat. Es folgen also Monate, in denen man besonders kreativ sein muss, und besonders viel “Nein” zu hören bekommt. Geduld!

Inspiriert von Scott Noelle .

Warum Gleichberechtigung keine Methode ist (2)

Johanna, 26.11.2006

Antworten von Sumpfel auf meine Zweifel, ob Gleichberechtigung in Eltern-Kind-Beziehungen nicht doch eine “Methode” ist:

Ich dachte, ich hätte Nichterziehung verstanden, als ich verstand, dass es nicht eine “Methode” sei, da man kein Erziehungsziel oder Ziel als solches hat – man will einfach nur die angeborene Freiheit nicht wegnehmen (im Gegensatz zu “Freiheit gewähren”) (trotzdem “gewährt man” weil man es ja in der Macht hätte, das ist aber Definitionssache und in diesem Zusammenhang eher egal).

Nicht zu erziehen ist für mich, mit meinen Kindern zu leben, ohne sie erziehen zu wollen, mit anderen Menschen zu leben, ohne sie erziehen zu wollen. Die Substantivierung “Nichterziehung” suggeriert eine Methode, aber das Leben ohne Erziehung ist m.E. keine Methode. Darum gefällt mir eine Formulierung wie “erziehungsfrei leben” so gut.

Daher ist es so wichtig, nicht zu erziehen, damit das Vertrauen nicht gebrochen wird.

Für mich ist es so: Wenn ich erziehe, ist das ein Zeichen dafür, dass ich kein Vertrauen in mein Kind habe. Es ist mein Ziel, dem Kind bedingslos zu vertrauen. Das ist weder ein Erziehungs- noch ein Nichterziehungsziel, was ich irgendeinem anderen Menschen aufdrücken würde, denn es gilt ja nur für mich.

Was wollen wir mit Nichterziehung? Wir wollen dieses Vertrauen nicht brechen, oder wenn schon passiert, wollen wir es wieder aufbauen. Das ist besonders schwer! Oder?

Ich will vertrauen. Das Vertrauen des Kindes bekomme ich gratis mit seiner Geburt. Was ich will, indem ich Erziehung unterlasse: Ich will das Kind nicht verrückt machen; ich will es nicht manipulieren; ich will sein Vertrauen nicht missbrauchen.

Ist das ein “Erziehungsziel”? Weil wir natürlich “hoffen” oder “glauben”, dass dadurch, dass wir Vertrauen, alles besser ist, einfacher ist, dass sich das Kind vernünftig verhalten wird… letztendlich, dass wir dann Erziehung “nicht brauchen”??

Ich habe ein Menschenbild vor Augen und das sagt mir, dass ich meinem Kind vertrauen kann. Dann muss ich nicht an später denken: “tue dies, damit es später … tue das …”

Antwort von Sumpfel aus der Mailingliste Unerzogen. Veröffentlicht mit Genehmigung.

Warum Gleichberechtigung keine Methode ist (1)

Johanna, 26.11.2006

Es folgt die Antwort von Willibald Papesch auf meine Frage, ob Gleichberechtigung nicht doch eine Methode ist:

Willibald, du meinst vielleicht, du hättest meine Frage beantwortet – irgendwie kommt’s mir aber nicht so vor. Oder ich kapier’s nicht. Trotz dem was du sagst, “das allgemeine Ziel wäre, einen lebenslangen Prozess in Gang zu setzen, der es den Beteiligten ermöglicht, lebenslang für alle Teile befriedigende Formen des Zusammenlebens zu entwickeln.” – so entscheiden wir uns doch als Eltern gegen Erziehung aus einem Grund...

Ich würde sagen, für eine Lebenshaltung.

...und wir meinen, so zu leben ist besser für die Entwicklung des Kindes – wie ist das dann keine “Methode”?

Bei “Methoden” geht es immer im “Techniken”:

Ich weiß nicht, ob ich ein Problem damit hätte, wenn es eine “Methode” wäre, dann ist es halt eine Methode. Es würde nur irgendwie… meine Gedanken der letzten 4 Monate erschüttern, weil ich irgendwie zuerst davon ausging, es sei eine Methode, das dann verwarf und jetzt ist es doch eine Methode. Ich bin einfach verwirrt :D Ich will’s kapieren!

Z.B. gibt es da auch immer die “Erfolgsgeschichten” – meine Freundin sagte zurecht, warum schicke ich ihr immer Willibalds Zitate aus Büchern, wo Kinder berichten, wie toll und lieb sie sind, warum erzähle ich ihr, dass meine Tochter ja auch wirklich nicht mehr so viel TV sieht, warum erzähle ich ihr (quasi stolz), dass sie zu einer “normalen” Zeit von alleine ins Bett geht – warum erzählt Willibald…

Weil er zeigen will, das so etwas durchaus möglich ist.

...wie “brav” seine Kinder doch sind und rücksichtsvoll und respektvoll und alles – wenn das alles quasi “egal” wäre…

Nein, ist es nicht.

...wenn es doch eine “Lebensphilosophie” ist…

Ja, das ist es. Aber eine Lebensphilosophie auf empirischer Grundlage. Menschen sind auf Kooperation angelegt, ihr Leben hängt davon ab. Es ist gleichsam “natürlich”, auf dies Kooperationsbereitschaft zu setzen, es ist “unnatürlich”, diese Kooperationsbereitschaft durch Erziehung zunächst zu zerstören und sie dann durch Machteinsatz und Gehorsam wieder zu erzwingen. Von aller “Lebensphilosophie” mal abgesehen, erscheint mir das rationaler und ökonomischer.

Wenn du die von mir berichteten Beispiele unter diesem Gesichtspunkt betrachtest, heißt dies: Ich habe am Lebensanfang – in etwa während des ersten Lebensjahres – einen höheren Aufwand, der sich danach sehr schnell minimiert, sprich: Es gibt so gut wie keine der üblichen Erziehungsprobleme.

...bei der es am meisten um Menschenwürde und Freiheit geht…

Nicht vergessen: Es gibt auch ‘glückliche’ Sklaven.

...und angeblich nicht um das “Ergebnis”,...

Nein, es geht nicht um irgendein “Ergebnis”, sondern darum wie ich Tag für leben möchte. Die entscheidende Frage lautet immer: “Wie möchte ich mit meinen Kindern in meiner Familie zusammenleben?” Es ist zunächst nur meine ganz persönliche Entscheidung für eine Lebensform, für die ich auch persönlich die Verantwortung übernehme.

...dass die Kinder ja doch irgendwie “von sich aus lieb, brav, sozial, respektvoll, rücksichtsvoll, hilfsbereit, keine Drogen nehmen etc. etc.”

Nein. Kinder sind von sich aus zunächst ‘nur’ kooperativ, lernbereit und bereit, den Eltern zu folgen. Was daraus wird, hängt von der Umgebung ab.

Kinder, die bei einer Räuberbande aufwachsen, werden in der Regel ebenfalls Räuber.

Wir finden doch diese “Ergebnisse” toll…

Nein. Es geht nicht um ein “Ergebnis”. Es geht darum, wie ich mich verhalte, wenn mein sechs Monate altes Kind während des Fütterns beginnt, im Essen rumzumantschen, nach dem Löffel zu tapsen, dabei evtl. den Teller runter schmeisst … Werde ich sauer, schimpfe ich – oder verstehe ich, dass dies nicht aus Bosheit geschieht, sondern der Beginn des Lernprozesses “Essen” ist?

Ich bleibe nicht deshalb gelassen und geduldig, um in 10 Monaten ein Ergebnis zu haben, sondern weil ich verstehe, was das Kind jetzt tut. Ob da einmal ein vor mir gewünschte Ergebnis heraus kommt, steht in den Sternen: Kinder beim Aufwachsen zu begleiten ist immer ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Denn schließlich haben auch sie einen ‘freien’ Willen und sind in der Lage, selbst zu entscheiden. Ob mir das immer gefallen wird – wie soll ich das bei einem sechs Monate alten Kind wissen?

Dasselbe gilt z.B. in Sudbury Valley bei meinem Lieblingsbeispiel: Der Junge, der monatelang jeden Morgen aufs Sofa liegt und den Unterricht verschläft. Niemand konnte wissen, was am Ende dabei herauskommen würde. Aber man hat seine Entscheidung geachtet.

...wir wollen sie [die Ergebnisse], und wir nutzen die nach unseren Informationen “beste Methode”...

Nein. Sondern ich behandle mein Kind in jedem alltäglichen Augenblick so, dass ich seine Fragen und Handlungen redlich beantworte: wenn das einjährige Kind im Einkaufswagen die Hand ausstreckt, weil es beim Beladen des Einkaufswagens helfen will, dann lasse ich es helfen; genauso lasse ich es an der Kasse helfen, die Waren aufs Band zu legen. Das ist die Methode und das Ziel und die Lebensphilosophie ... wie immer du das nennen willst.

...um das Ziel (vernünftige und soziale Kinder) zu “erreichen”?

Nein, sondern hier und jetzt mit meinen Kinder zu leben, Tag für Tag. Was daraus wird, wird sich zeigen. Das weiß man immer erst hinterher.

Antwort von Willibald Papesch. Veröffentlicht mit Genehmigung.

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