“Aber Studien haben doch eindeutig belegt…”
...dass Fernsehen schlecht für Kinder ist.
Von Joyce Fetteroll
Wann immer man Studien über Kinder liest (nicht nur über TV, alle Studien), ist es hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, dass diese Studien auf beschulten Kindern basieren. Kinder, die nach der Schule fernsehen, tun dies aus anderen Gründen als Kinder, die ungeschult [unschooled] werden und freien Zugang haben. Beschulte Kinder sehen oft fern, weil sie eine Auszeit nach dem Stress in der Schule brauchen. Sie sind oft von den Eltern losgelöst wegen der Effekte, die Schule auf sie hat. Oft sind sie nach der Schule einfach allein.
Es ist ein immenser emotionaler und zeitlicher Preis, der für die Schule seitens der Kinder bezahlt wird. Es ist nicht nur die Zeit, die in der Schule verbracht wird, sondern auch die Zeit, sich dafür fertig zu machen, Hausaufgaben zu erledigen und sich zu erholen. Für viele Kinder bleibt nicht viel Zeit übrig, um kreativeren Aktivitäten nachzugehen, geschweigedenn um sich mit der Familie wieder zu vereinen.
Wie viele Erwachsene kommen von der Arbeit nach Hause, voller Elan für kreative Aktivitäten oder solchen, die Kreativität auslösen? Wird dafür TV verantwortlich gemacht? Oder wird das Fernsehen als Entspannungsmethode ganz klar als durch die Arbeit ausgelöst gesehen?
Die Frage ist also, wie kann man die Studien über die Effekte des Fernsehens auf (beschulte) Kinder mit echten ungeschulten [unschooled] Kindern ohne TV-Einschränkung übertragen? Theorien sind toll, aber wenn sie nicht beschreiben, was in Wirklichkeit passiert, sind das noch tolle Theorien?
Wir haben hier eine Menge Familien, die das Fernsehen nicht beschränken, aber keine der negativen Effekte gesehen haben, die jeder prophezeit. Kinder, die nicht eingeschränkt werden, behandeln den Fernseher so ziemlich wie man Bücher behandelt. Es ist eine weitere Ressource, die – wie Bücher – von manchen mehr, von manchen weniger gemocht wird.
Quelle: Arguments against Arguments against TV by Joyce Fetteroll. Mit Genehmigung übersetzt und veröffentlicht.

Auch ich habe bei meinen beiden Kindern keine der negativen Effekte gesehen, die so manch einer pophezeit.Trotz Selbstbestimmung in Sachen ‘fern-sehen’ ;-)
Viele Grüße,
Claudia
Unsere Tochter – 4 1/2 – geht in einen Montessori-Kindergarten, wo es in der Früh und am Nachmittag die Möglichkeit gibt, zusammen mit den Kindern noch einige Zeit zu verbringen. Meine Erfahrung ist, dass die Kinder, die zu Hause viel fernsehen, das Gesehene dann “abarbeiten” müssen und im Spiel um einiges aggressiver sind als die Kinder, die nicht schon am Morgen vor dem TV sitzen.
Es erscheint mir auch nachvollziehbar, dass die zum Teil doch sehr emotionalen Geschichten – in extrem kurzen Sequenzen geschnitten, wie es halt im MTV Zeitalter üblich ist – für Kinder in einer Phase, in derdie Gehirnentwicklung noch voll im Gange ist, einen anderen Effekt haben als eine ruhig vorgetragene Erzählung und dass Kinder durch den Konsum dieser (Kinder-) TV-Sendungen einem nicht unwesentlichen Stress ausgesetzt werden – und das muss ja nicht sein…
Bin jedenfalls interessiert am weiteren Verlauf des “Experiments” und wünsche guten Erfolg – Grüße
Horst
Ich bin skeptisch, was deine Erfahrung angeht. Hast du alle Kinder gefragt, ob sie zu Hause viel fernsehen, oder nur die “aggressiv-auffäligen”? Bei den “Daten” in Studien und eigenen Beobachtungen muss man immer sehr vorsichtig sein. Weißt du, wie die Verhältnisse zu Hause sind? Nur weil es ein Montessori Kindergarten ist, heißt es ja noch lange nicht, dass die Kinder nicht erzogen werden (wahrscheinlich wird kaum einer dort nicht erzogen!). “Erlauben” die Eltern den Fernsehkonsum, sagen aber ständig, wie schlecht es ist (und setzen ihre Kinder damit noch zusätzlichen Stress aus)?
Was waren das für Kinder? Wurden sie “nicht erzogen” oder erzogen? Wurden sie vernachlässigt? Wie viele Stunden haben die Eltern Zeit für das Kind? Was machten die Eltern während ihre Kinder fernsahen? Wurde über die Fernsehsendungen gesprochen? Mussten die Kinder das Gesehene allein “verarbeiten”? Haben die Kinder allein ferngesehen oder zusammen mit den Eltern? Haben sich die Eltern über die Fernsehinhalte erkundigt? Wie lange wurde die Studie durchgeführt? Wie lange und wie wurden die Daten gesammelt? Haben die Experimenter die Kinder täglich begleitet? Haben die Eltern Angaben gemacht oder die Kinder? Wer hat die Studie geführt? Wurden den Kindern andere Angebote gemacht? Hatten die Kinder Zugang zu anderen Medien und Ressourcen? Hatten sie die Möglichkeit, mit anderen Kindern zu spielen? ...
Diese Fragen und viele mehr werden in diesen Zusammenfassungen von Studien oder eigenen Beobachtungen nie berücksichtigt! Da steht dann nur “zahlreiche Studien haben ergeben,
dass Kinder, die 3 Stunden am Tag fernsehen durchschnittlich 2 Noten schlechter sind als Vergleichskinder, die keinen Fernseher im Haus hatten”. (Die Zahlen sind erfunden und der Satz auch. Ist aber immer ungefähr so.) Oder “Meiner Erfahrung nach sind Kinder, die viel fernsehen viel aggressiver” – Gab es noch andere Gründe, warum die Kinder hätten aggressiv sein können? Wie ist die allgemeine Stimmung zu Hause? Warum wird zu Hause viel ferngesehen? Ich kann mir vorstellen, dass ein Kind aggressiv wird, wenn der Fernseher das einzige Angebot ist und das Kind nicht wann immer es will zu den Eltern kann um was anderes zu tun. Wenn sonst Langeweile herrscht.
Und was ist mit Vergleichskindern in der Studie? Warum hatten die keinen Fernseher? Waren deren Eltern besonders intellektuell und lehnten daher einen Fernseher ab? Hatten diese Eltern mehr Zeit für ihre Kinder? Hatten sie strikte Regeln was den Fernsehr betrifft und was haben sie stattdessen gemacht?
Ich bin da sehr skeptisch. Ich habe bei meiner Tochter keinerlei Aggressivitiät in ihrer Fernsehphase ausmachen können.
Im Übrigen machen wir hier kein “Experiment” :) Oder wenn, dann machen alle Eltern ein “Experiment” mit ihren Kindern. Keiner weiß, was dabei rauskommt. Es gibt keine Garantien, auch nicht für Erziehung! Was Nichterzieher machen (bzw. nicht machen), tun sie aus ethischen Gründen und weil es ihnen einleuchtet, dass man Kindern zu nichts zwingen darf. Nur verantwortungsvoll begleiten können wir. Wir tun das nicht, “um herauszufinden, ob so was klappen kann” (was für mich die Essenz des “Experiments” wäre). In diesem “Klappen” wäre auch enthalten, dass man eine gewisse Erwartungshaltung hat, dass das Kind so oder so wird. Gerade darum geht es eben nicht :)
Dieser Artikel bezieht sich ja auf Schulkinder.
Aber was ist denn mit Kindern, die so jung sind, dass sie noch gar nicht zu Schule gehen und wo die Mutter auch immer zu Hause ist, sodass auch der Stressfaktor Schule/Kindergarten gar nicht vorhanden ist?
Neugierige Grüße von
Michi