Kein TV-Verbot, keine Einschränkungen

Johanna, 12.10.2006

Nichterziehung bedeutet für mich – und für alle Unschooler und Nichterzieher – dass auch das Fernsehen nicht eingeschränkt wird, und zwar weder in der Art der Programme, noch in der Zeit, die sie damit verbringen.

Dabei geht es darum, dass Kinder lernen, sich ein eigenes Urteil über Fernsehen zu machen und ihre Faszination dafür nicht zu unterbinden. Es geht darum, sie in ihrer Entscheidung, TV-Programme zu sehen, nicht zu behindern, sondern ihnen zu helfen.

Es geht nicht darum, die Kinder vor dem Fernseher abzulegen und ihnen nichts mehr anzubieten. Vielmehr wird der Fernseher als eine weitere Informations- und Geschichtenquelle zu betrachtet – wie etwa Bücher.

Anhand von dem, was Kinder im Fernsehen fasziniert, können wir viel über unsere Kinder lernen und ihre Interessen ausmachen. Dieses Wissen kann uns helfen, ihr Interesse zu füttern – mit sowohl weiteren Sendungen zum Thema als auch Aktivitäten und Medien, die nichts mit Fernsehen zu tun haben. Der Fernseher ist somit auch Inspirationsquelle für Kinder und Eltern.

Ein gestörtes Verhältnis zum Fernsehen – dieses suchtartige Verhalten – kommt genau dadurch, dass wir nicht natürlich damit umgehen, sondern es einschränken. Wenn TV nur als eine weitere Quelle betrachtet wird – wie etwa Bücher – dann ist es nicht mehr und nicht weniger als das, und wird entsprechend behandelt! Was meinst du, was passiert, wenn du Bücher verbietest, oder auf “1 Stunde am Tag” oder auf nur bestimmte Arten von Büchern beschränkst?

Nach und nach werde ich diese Kategorie mit zahlreichen Übersetzungen aus den Texten von Joyce Fetteroll ergänzen.

6 Kommentare zu “Kein TV-Verbot, keine Einschränkungen”

Hallo Johanna,

das ist schon eine ziemlich verwirrende Erkenntnis: seinem Kind nah sein, seine Bedürfnisse zu erspüren und möglichst darauf eingehen (Stillen/Wickeln bzw. Nichtwickeln-und-Klo-anbieten/Nähe/Trost anbieten und später dann Lassen: im Erfahrungsammeln, eigene Fähigkeiten erproben, Sinne austesten, Umwelt erkunden, Selbständigkeit fördern); Vorbild sein! z.B. im Nichtrauchen, im Lesen, im Konfliktebewältigen, im Nicht-Alkohol-Trinken, im respektvollen Kommunizieren, im Selbstreflektieren, in den Essensgewohnheiten – und DANN: Computer- und TV-Genuss Gutheißen?
Ich schwanke zwischen dem Glauben daran, dass die Beschränkung/Beschneidung dieser potenziellen ‘Suchtquelle’ auch einen Teil der Begeisterung für TV/Computer ausmacht, andererseits ist der vergleichsweise ‘ungezügelte’ Genuss von (industrieller) Süße in Süßigkeiten im Kleinkindalter fatal für die Geschmacksbildung … Oder sollte ich besser sagen ‘soll angeblich sein’ (denn selbst ausprobieren möchte ich es lieber nicht)?

Andererseits habe ich die Verteufelung des Einflusses von Fernsehen (insbesondere den direkten Einfluss auf die Gewaltbereitschaft von Kindern u. Jugendlichen) schon immer mit kritischem Auge gesehen. Doch mir gefielen die glasigen Augen meiner Kinder nach mehr als einer Stunde Fernsehgenuss und die darauf folgenden Schreianfälle, wenn der Fernseher nach der vereinbarten Zeit ausgemacht werden sollte, überhaupt nicht …
Mein Sohn sagte allerdings mehr als einmal, dass er das “gemein finde(t), dass Ihr (Eltern bzw. großer Bruder) abends noch fernsehen dürft!”

Klare Aussage, was?

Gruß,
Niki

Hallo Johanna,
ich bin ein Nachzüglerkind, 10 Jahre jünger als der Rest der Geschwister und wollte natürlich abends lieber mit der ganzen Familie zusammen sein (also vermeintlich mit ihnen fernsehen), als allein in meinem dunklen Zimmer zu liegen und doch nicht schlafen zu können. Ich erinnere mich daran, dass mir dann doch oft die Filme zu langweilig wurden und ich statt dessen malte, schrieb, bastelte oder “Restaurant” spielte und meine Eltern und die Geschwister mit georderten Leckereien (Wurstbrot) beglückte. Auch kam es oft vor, dass ich das Thema nach kurzem Einstieg in ein Spiel umsetzte und bespielsweise anlässlich des Films “Trek nach Westen” mit meinen Puppen auf dem Rücken gebunden und einem Kochtopf mit “lebenswichtigem” Gepäck durch die ganze Wohnung “trekkte” – soviel zu Inspiration und Fersehen… Noch heute mit 32 kann ich prima fernsehen und dabei noch etwas anderes (vermeintlich wertvolleres, weil nicht passives) tun.
Liebe Grüße, ANUSCH

zu “kein Tv-Verbot, keine Einschränkungen”

Hallo,

zu diesem Thema fand ich sehr erhellend: “Vorsicht Bildschirm” von Prof. Manfred Spitzer
Neueste Daten, Fakten und Ergebnisse der Gehirnforschung und deren Auswirkungen auf Körper und Geist.
Gruß
Klaus

Die Parallele zu den Süßigkeiten deutet auf eine problematische Seite: es arbeitet eine gigantische Industrie daran, unsere Geschmacksnerven auf ihre Produkte zu trimmen; eine noch gigantischere Maschinerie macht das Fernsehen unerhört attraktiv. Was dort passiert, ist oft wirkungsvoller als die Realität (schneller, bunter, mit Musik untermalt, auf Sehnsüchte eingestellt etc.)
Was will man dieser Manipulierung entgegenstellen, damit unsere Kinder wirklich selber entscheiden können? Erreicht die Aufklärung dieser Manipulationen schon genug Wirkung?
Ich habe gut reden: mein Weg ist, dass in meiner Wohnung gar kein Fernseher steht.
Probiert das mal aus….
Jürgen

Hallo Jürgen,

ich kenne dein Argument, und sehe auch die “Gefahr”. Ich sehe aber nicht ein, warum Kinder, die in einer liebevollen, gleichberechtigten Umgebung sich so derart von Medien (oder sonst wem) manipulieren lassen sollten, dass sie gar nichts mehr “checken”. Diese Gefahr sehe ich vielmehr bei Kindern/Menschen, die sonst eher wenig Rückhalt haben, von Familie, von Bezugspersonen. Dann hat man wohl auch “gerne” das Fernsehen als Ersatz-Vorbild. Wenn die Vorbilder zu Hause aber doch stimmig sind, warum sollte das eine Gefahr darstellen? Was du sagst ist quasi, dass das Fernsehen mehr Einfluss hat als du selbst bzw. die Familie. Wieso sollte das so sein? Das glaube ich einfach nicht und ich erlebe es de facto auch einfach nicht so.

Fernsehen kann schädlich sein – Süßigkeiten auch, Autos auch, selbst ein Bleistift kann gefährlich werden. Es kommt eben darauf an, wie man es angeht, was für Voraussetzungen vorliegen. Meine Kinder brauchen kein Ersatz-Vorbild und ich bezweifle, dass sie sich manipulieren lassen – freie Kinder lassen sich nicht so leicht erziehen. Sehr häufig erzählt meine Tochter, was sie gesehen hat und wir reden darüber. Sie geht sehr vorsichtig damit um, was dort gesagt wird. Das wird zum Beispiel durch Äußerungen klar wie: “Also, ich weiß natürlich nicht, ob es stimmt, aber in der Sendung XY haben sie das und das gesagt….” wir reden dann darüber, ob es realitätsnah erscheint oder nicht. So gut wie alles, was sie aus dem Fernsehen “lernt”, lernt sie mit “Vorbehalt”, d.h. sie ist sich bewusst (und äußert es regelmäßig), dass es durchaus sein kann, dass es nicht stimmt. Wenn sie die Informationen genauer haben will, prüft sie sie, indem sie mich oder einen anderen Erwachsenen – nämlich diejenigen, die sie respektiert und denen sie vertraut – fragt.

Wenn es natürlich niemanden gibt, dem man vertrauen kann oder den man respektiert, liegt es sehr nahe, dass man keine andere Wahl hat, als einfach dem Fernsehen zu glauben.

Was ich also der Manipulierung entgegenstelle ist: Information, Rückhalt, Liebe, Familie, Vertrauen, Respekt, Teilhabe…. Ich glaube nur Aufklärung der Manipulation würde wahrscheinlich nicht ausreichen – wenn ich selbst nicht respektiert werde, weil ich z.B. meine Kinder erziehe und dadurch missachte, werden sie mir meine Aufklärung womöglich auch überhaupt nicht abnehmen.

Solange deine Kinder kein Problem damit haben, keinen Fernseher zu haben, und solange du nicht, sobald sie eines fordern, einfach dich auf dein “Recht” berufst, entscheiden zu dürfen, ob es zu Hause einen Fernseher gibt oder nicht, dann ist doch alles paletti. Wenn sie deiner Entscheidung einverstanden sind, dann ist doch alles OK – wenn ihr zusammen entschieden habt, auch. Ansonsten würde ich es persönlich nicht als gleichberechtigten Umgang einstufen…

Wobei ich mir natürlich bewusst darüber bin, dass ich nicht dazu da bin, anderer Leute Umgang einzustufen :-)

Grüße
Johanna

Ich gehöre zu denen die schon sehr früh ihren eigenen Fernseher hatten. Und auch davor wurde nicht kontrolliert was ich mir ansah oder wie lange ich schaute. Und heute leide ich darunter, dass der Fernsehkonsum bei den meisten anderen aus meiner und den vorigen Generationen reglementiert wurde. Denn während sich mein Geschmack verfeinert und mein Anspruch durch den jahrenlangen völlig freien Fernsehkonsum weiter entwickelt und dadurch erhöht hat, sind die meisten anderen stecken geblieben und haben einen sehr starken Nachholbedarf. Die Folge sind Doku-Soaps, Talkshows usw. rund um die Uhr und Spielfilme mit ausgelutschter und oberflächlicher Handlung. Alles Formate, die für mich als Kind und als Jugendlicher teilweise noch interessant (weil neu) waren und die ich mir auch zu genüge angesehen habe. Aus diesen visuellen “Erfahrungen” bildete ich dann einen eigenen Geschmack und ich begann immer mehr zu filtern. Heute ertrage ich eine Nachmittagstalkshow keine zwei Minuten mehr und bin ständig auf der Suche nach Sendungen die meinen Ansprüchen genügen – meist vergebens. Denn weil der Anspruch mangels Erfahrung bei den meisten anderen derartig unterentwickelt ist, begnügen sie sich mit den oben genannten Formaten. Und die TV-Sender bieten diese nur allzugerne an, weil sie super-billig produzierbar sind.
Was hat die früher so weit verbreitete Reglementierung des Fernsehkonsums also gebracht? Das Gegenteil von dem was man erreichen wollte. Anstatt anspruchsvolles oder gar kein fern zu schauen, konsumieren die meisten Erwachsenen heute genau den Kram, der ihnen als Kind verboten wurde. Und da sie eben schon Erwachsene sind und die Weiterentwicklung mit dem Alter meist abnimmt, werden sie sich wahrscheinlich ihr Leben lang mit diesem billigen Sendungen zufrieden geben und anspruchsvolle Fernsehunterhaltung stets mit Bildungsfernsehen gleichsetzen. Dabei eignet sich genau die perfekt dazu, Bildung zu vermitteln, ohne dass sich der Zuschauer wie im Schulunterricht vorkommt, was diverse “kulturelle” Programme leider bewirken. Ich denke dabei an Serien wie Deadwood und HBO’s Rom, die Zeitepochen historisch korrekt wiedergeben und zugleich mit vielschichtigen Charakteren und Dramaturgien unterhalten. Und es gäbe da noch unendliche Möglichkeiten, doch würden die sich niemals durchsetzen, solange das Publikum so “ungebildet” und erfahrungslos (weil unautonom) in Sachen Fernsehen bleibt.
Noch etwas in Sachen Manipulation: Kinder sind nur empfänglich für Manipulationen, wenn sie von Geburt an von ihren Eltern (aus erzieherischen oder sonst welchen Gründen) manipuliert wurden. Fehlinformationen werden sie immer mal aufnehmen, aber solange sie durch die elterliche Manipulation nicht verinnerlichen mußten, dass die Aussagen von (vermeindlichen) Autoritäten unanfechtbar sind, werden sie schnell damit anfangen alle Informationen zu hinterfragen und zu überprüfen (z.B. mit Hilfe des Internets – das ja auch so sehr als kinderschädigend verteufelt wird).

Gruß,
Jan

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