“Zu viel TV-Konsum macht Kinder aggressiv”
Meine Erfahrung ist, dass die Kinder, die zu Hause viel fernsehen, das Gesehene dann “abarbeiten” müssen und im Spiel um einiges aggressiver sind als die Kinder, die nicht schon am Morgen vor dem TV sitzen. [Beobachtung eines Lesers im Kindergarten seiner Tochter]
Ich bin skeptisch, was deine Erfahrung angeht. Hast du alle Kinder gefragt, ob sie zu Hause viel fernsehen, oder nur die “aggressiv-auffäligen”? Bei den “Daten” in Studien und eigenen Beobachtungen muss man immer sehr vorsichtig sein. Weißt du, wie die Verhältnisse zu Hause sind? Nur weil es ein Montessori Kindergarten ist, heißt es ja noch lange nicht, dass die Kinder gleichberechtigt behandelt werden. “Erlauben” die Eltern den Fernsehkonsum, sagen aber ständig, wie schlecht es ist (und setzen ihre Kinder damit noch zusätzlichem Stress aus)?
Was waren das für Kinder? Wurden sie gleichberechtigt behandelt oder traditionell erzogen? Wurden sie vernachlässigt? Wie viele Stunden haben die Eltern Zeit für das Kind? Was machten die Eltern während ihre Kinder fernsahen? Wurde über die Fernsehsendungen gesprochen? Mussten die Kinder das Gesehene allein “verarbeiten”? Haben die Kinder allein ferngesehen oder zusammen mit den Eltern? Haben sich die Eltern über die Fernsehinhalte erkundigt? Wie lange wurde die Studie durchgeführt? Wie lange und wie wurden die Daten gesammelt? Haben die Experimenter die Kinder täglich begleitet? Haben die Eltern Angaben gemacht oder die Kinder? Wer hat die Studie geführt? Wurden den Kindern andere Angebote gemacht? Hatten die Kinder Zugang zu anderen Medien und Ressourcen? Hatten sie die Möglichkeit, mit anderen Kindern zu spielen? ...
Diese Fragen und viele mehr werden in diesen Zusammenfassungen von Studien oder eigenen Beobachtungen nie berücksichtigt! Da steht dann nur “Zahlreiche Studien haben ergeben, dass Kinder, die 3 Stunden am Tag fernsehen durchschnittlich 2 Noten schlechter sind als Vergleichskinder, die keinen Fernseher im Haus hatten”. (Die Zahlen sind erfunden und der Satz auch. Ist aber immer ungefähr so.) Oder “Meiner Erfahrung nach sind Kinder, die viel fernsehen viel aggressiver” – Gab es noch andere Gründe, warum die Kinder hätten aggressiv sein können? Wie und wieso wurden diese anderen Gründe ausgeschlossen? Wie ist die allgemeine Stimmung zu Hause? Warum wird zu Hause viel ferngesehen? Ich kann mir vorstellen, dass ein Kind aggressiv wird, wenn der Fernseher das einzige Angebot ist und das Kind nicht wann immer es will zu den Eltern kann um was anderes zu tun. Wenn sonst Langeweile herrscht.
Und was ist mit den Vergleichskindern in der Studie? Warum hatten die keinen Fernseher? Waren deren Eltern besonders “intellektuell” und lehnten daher einen Fernseher ab? Hatten diese Eltern mehr Zeit für ihre Kinder? Hat sie die Abwesenheit des Fernsehers “gezwungen”, mehr mit den Kindern zu unternehmen? Hätten sie auch sonst genug Zeit für die Kinder gehabt? Hatten sie strikte Regeln was den Fernsehr betrifft und was haben sie stattdessen gemacht?
Ich bin da sehr skeptisch. Ich habe bei meiner Tochter keinerlei Aggressivitiät in ihrer Fernsehphase ausmachen können. Aber wenn sie hunger hat, wird sie sehr unfreundlich. Hatten die Kinder genug gefrühstückt? :)

Das mit dem Montessori-Kindergarten habe ich erwähnt, um damit zu beschreiben, dass die Betreuung zwar nicht unter dem Begriff “Nichterziehung” stattfindet, jedoch der von dir erwähnte Respekt den Kindern und ihren Bedürfnissen gegenüber praktiziert und gelebt wird – und auch den Eltern vermittelt wird, die das auch in ihrem Familienleben umsetzten (soweit ich Einblick habe), sonst hätten sie sich nicht für diese Art Kindergarten entschieden.
Ich habe ja keine Studie gemacht, sondern Beobachtungen – aber genau so skeptisch bin ich dem Argument gegenüber, dass du keine negativen Erfahrungen gemacht hast und deshalb alle Studien widerlegt sind: das erinnert mich schon sehr an die Argumentation von Rauchern, die von ihrem Großvater erzählen, der 90jährig sein ganzes Leben lang geraucht hat und immer noch gesund ist.
Ich sage auch nicht, dass zuviel TV-Konsum Kinder aggressiv macht – ab wann ist es zu viel? – sondern dass schon Sendungen in diversen Kinderprogrammen durch ihren Inhalt und die Aufbereitung (zu) viel Stress beim Zusehen verursachen können – von anderen Sendungen mal ganz abgesehen, oder läßt du deine Tochter auch Gewalt- und Horrorfilmchen konsumieren? – und dann frage ich mich, ob ich nicht auch beim Fernsehen schon eine Grenze ziehen sollte und nicht erst, wenn mein Kind im Begriff ist, über eine stark befahrene Strasse zu laufen…
Liebe Grüße
Horst
Lieber Horst,
wenn TV-Konsum deine Kinder aggressiv macht, dann kannst du immer noch handeln und Lösungen finden, die allen gerecht werden und trotzdem die Freiheit des Kindes nicht einschränken, und vor allem herausfinden, warum es deine Kinder aggressiv macht.
Ich meine nicht, nur weil meine Tochter nicht aggressiv wird, dass niemals ein Kind aggressiv wird. Die Frage ist, warum musst du DEINEM Kind den Fernseher verbieten oder einschränken, nur weil andere Kinder – manche Kinder – aggressiv reagieren (und dabei weißt du noch nicht Mal, welche anderen Umstände in der Familie herrschen)?
Es gibt viele Lösungen für dieser “Problem”. Offensichtlich, da es Kinder gibt, die nicht aggressiv werden, gilt diese Theorie, TV mache aggressiv, einfach nicht für alle. Daher halte ich allgemeine Einschränkungen für falsch.
Vielmehr wäre es wichtig, herauszufinden, warum das Kind aggressiv wird, und dort anzusetzen. Sollte es tatsächlich herausstellen, dass trotz Begleitung beim Fernsehen, trotz darüber sprechen, trotz anderer Angebote, trotz viel Zeit für das Kind… trotz verschiedener Lösungansätze, die die Freiheit des Kindes respektieren, wirklich das Fernsehen daran “schuld” ist, dass das Kind aggressiv ist und eine Einschränkung notwendig erscheint – so würde ich mit meinem Kind darüber reden und wir würden an Lösungen arbeiten.
Mitunter ist es auch eine wichtige Erfahrung für das Kind, dass ihn X aggressiv macht, und zu lernen, wie es damit umgehen kann (vermeiden, entspannen, Yoga, kuscheln, Fernseher verkaufen… verschiedene Lösungen). Dabei kann ich es begleiten, informieren, auf Anfrage beraten, unterstützen, helfen, darauf aufmerksam machen…
Außerdem wäre es wichtig herauszufinden, was das Bedürfnis ist, was mit dem Fernseher wiederum gestillt werden soll, und ob (sollte wirklich das Fernsehen an der Aggressivität schuld sein) dieses Bedürfnis nicht auch anders gestillt werden kann (Bedürfnis nach Geschichten: Kassetten? Bedürfnis nach Bildern: Museen? Videos mit bestimmten Inhalten? Bilderbücher? Bedürfnis nach Entspannung… Bedürfnis alleine sein…) oder teilweise anders, oder ob nur gewisse Kleinigkeiten geändert werden müssten, um das Problem zu lösen (vielleicht reicht es, die Lautstärke zu reduzieren. Vielleicht reicht es, dass das Kind nicht mit der ganzen Familie im Hintergrund fernsieht (zusätzlicher Stress), oder umgekehrt, dass das Kind mit jemanden oder allen aus der Familie fernsieht. Vielleicht hat es wenig Auswahl. Vielleicht reicht die Anschaffung eines Videorecorders, damit es nicht das Gefühl hat, an die Zeiten des Programms gebunden zu sein. Vielleicht meldet man sich lieber im DVD-Verleih bei Amazon an und leiht ausgewählte Filme aus nach Wunsch des Kindes. Vielleicht wäre eine Playstation der bessere Ersatz für Fernsehen, oder vielleicht hätte es gerne stattdessen eine Saisonkarte für die Schlittschuhbahn, wusste aber nichts davon. Vielleicht… X! :-)
Diskutiere doch gerne mit uns in der Mailingliste darüber :)
Gruß
Johanna
hallo,
vor einiger zeit habe ich mal ein sehr kurzweiliges buch des titels “überfälle auf die wirklichkeit” gelesen, in dem u.a. von einem etwas anderen fernsehexperiment auf einer kinder- und jugendfreizeit berichtet wurde. leider ist das buch nicht billig, ich hatte es damals aus der stadtbibliothek.
http://www.carl-auer.de/programm.php?isbn=3-89670-120-7
moca