Rockzipfel Konzept

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Folgende Formulierung des Konzepts gilt als Basis für weitere Konzeptarbeit durch die teilnehmenden Eltern. Das Konzept soll zunächst so umgesetzt werden, um dann bei größeren Erfahrungsschatz entsprechend und nur bei Bedarf geändert zu werden.

Ziel

Bei Rockzipfel geht es darum, so wenig Trennungen vorzunehmen wie möglich: Arbeit und Spaß, Eltern und Kind, Betreuung und Arbeit, Betreuung und Spaß, Umgang mit Kindern und Spiel mit Kindern – das sind alles Dinge, die jeweils voneinander nicht getrennt werden müssen.

In der heutigen Zeit ist es schwierig, Arbeit und Familie miteinander zu vereinbaren. Viele arbeiten oder lernen von zu Hause aus, ob Vollzeit oder Teilzeit, als Hobby oder Lohnarbeit – und würden gerne ihr Kind oder ihre Kinder bei sich zu Hause haben. Alleine mit einem Kind ist es aber langweilig bis anstrengend, für beide. Sowohl Eltern als auch die Kinder wünschen sich soziale Kontakte. Während sich Eltern besser “beherrschen” können, ist es für Kinder oft viel schwieriger, diese Mangelsituation auszuhalten. Sie verhalten sich dann “auffällig” oder suchen ständig den Kontakt mit den Eltern – die dann keine freie Minute für sich haben.

Rockzipfel soll ein Raum für Eltern, Kinder und Familien sein, der die Möglichkeit zum Spielen und Arbeiten in einer Umgebung bietet, die ausgesprochen kinderfreundlich, aber nicht lediglich eine “Kinderverwahranstalt” oder ein Raum mit einer “Kinderspielecke” in blau-rot-gelb ist: Eine lebendige und ungefährliche Ja-Umgebung, in der Menschen aktiv sind (Erklärung Ja-Umgebung siehe weiter unten) und in der Eltern und Kinder sein können, andere Eltern und Kinder treffen können und wo sie je nach Lust und Laune und Art der Tätigkeit gemeinsam oder getrennt (aber nicht unbedingt räumlich) aktiv sein können.

In dieser Umgebung wollen wir den gleichberechtigten, nicht-direktiven Umgang mit Kindern realisieren, inspiriert durch Ansätze und Erfahrungen von Jean Liedloff, Ekkehard von Braunmühl, Jan Hunt, Emmi Pikler, Maria Montessori und viele andere.

(Siehe Literaturliste)

Organisatorisches

  • Diese Initiative ist rein privat, auch was die Haftung anbelangt. Rockzipfel bietet keine Dienstleistung an und keine Kinderbetreuung. Rockzipfel ist lediglich ein Ort, dessen Platz an Eltern mit Kindern untervermietet wird.
  • Um ein harmonisches Miteinander zu gewährleisten, wird eine offene und regelmäßige Kommunikation zwischen den Eltern und Kindern erstrebt. Wöchentliche Elternabende sollten eingeplant werden.
  • Zusätzliche Kosten, die entstehen sollten (außer Miete, Nebenkosten, Strom, Telefon und Internet) werden von allen gemeinsam getragen. Für die finanzielle Sicherheit des Projekts gilt eine vertragliche Kündigungsfrist von 3 Monaten, bzw. muss der Platz direkt von einer neuen Familie übernommen werden, um früher aus dem Vertrag zu kommen.
  • Essen und Putzen (Putzkraft) wird extra organisiert und finanziert.

Elternabend

An einem möglichst wöchentlichen Elternabend sollte alles angesprochen werden, was den Eltern aufgefallen ist. Probleme sollen so gelöst und für die Zukunft vermieden werden; das Konzept kann stetig verbessert und angepasst werden. Sofern Kinder sich beteiligen möchten, sind sie natürlich herzlich als volles Mitglied der Abende (oder Nachmittage…) willkommen.

Beim Elternabend können alle Probleme und weitere Konzeptideen besprochen werden. Es gilt das Konsensprinzip: Wir versuchen, für alle Win-Win-Lösungen zu finden. Die Prinzipien von Gleichberechtigung, die Achtung der Menschenrechte, die antipädagogische Ausrichtung darf jedoch nicht gebrochen werden.

Im Elternabend sollen auch Fallbeispiele besprochen werden: Mit welchen Situationen war ich überfordert und wusste nicht, wie ich “gleichberechtigt” bzw. respektvoll(er) hätte handeln können? Der gegenseitige Austausch soll den Eltern helfen, sie stärken und für Ausgleich sorgen.

Räumlichkeiten – eine Ja-Umgebung für Groß und Klein

Die Räume sind sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gestaltet, wobei besonders auf die Bedürfnisse der Kinder Rücksicht genommen wird (keine offenen Steckdosen und Stromkabel, keine scharfen Ecken etc.)

Die Räume sollen in der Gründungsphase liebevoll durch Spenden, Heimwerk- und Bastelarbeiten bestückt und dekoriert werden, sodass eine ruhige und entspannte Atmosphäre entsteht. Möglichst kann alles, was für Kinder erreichbar ist, auch von ihnen genutzt werden. Die Umgebung lädt zu vielfältigen Bewegungsversuchen und zum Ausprobieren ein: Die Gebrauchsgegenstände, die gesamte Umgebung sagt: Ja, erforsche mich – Ja! Fass mich an! – Ja, du darfst hier neugierig sein. Gleichsam verschafft sie Eltern Entspannung, weil sie nicht ständig “Nein” sagen müssen.

Die anregende Umgebung bietet den Kindern die Möglichkeit, sich selbständig aus ihrem eigenem Entwicklungstrieb heraus zu bewegen. In einer solchen Umgebung müssen sie nicht extern motiviert werden, sondern können selbst herausfinden, was sie mögen, was sie schon können, wozu sie sich trauen und wozu nicht.

Die Umgebung…

  • ist möglichst “ungefährlich”
  • soll die Bedürfnisse der Kinder stillen können, sodass sie nicht so leicht aus dem Gleichgewicht kommen und sie sie optimal entwickeln können.
  • soll für Kinder leicht erschließbar sein, sodass sie sich darin selbständig bewegen können.
  • soll gleichsam keine isolierte “Gummizelle” sein, in der absolut nichts passieren kann!

Da es unter den Kindern mitunter größere Altersunterschiede geben kann, ist ggf. eine stärkere Begleitung der Kinder durch die Begleiter je nach ihrem Entwicklungsstand notwendig, z.B. weil die größeren Kinder Dinge ausprobieren oder so hinstellen, dass sie gefährlich(er) für die kleineren werden könnten.

Die Begegnungen zwischen den Altersgruppen spiegeln zum Teil (vor allem in einer solchen familiären Umgebung) das Leben in einer Großfamilie wieder – oder ahmen sie zumindest zum Teil nach. Sie bieten Erfahrungsmöglichkeiten für die Größeren, sich mit den Bedürfnissen der Kleinen auseinander zu setzen. Eine räumliche Trennung der verschiedenen Altersgruppen wollen wir möglichst vermeiden. Da wir keinen Erfahrungswert haben, ist dieser Punkt jedoch noch sehr offen. Sollte es zu Problemen kommen, weil die Bedürfnisse der Kinder so unterschiedlich sind, dass die Kollisionen ständig für Disharmonie sorgen, kann z.B. zunächst versucht werden, drei statt nur zwei Begleiter einzusetzen.

Begleitung statt Betreuung – Gemeinschaftlich statt kindzentriert

Kindzentrierte Betreuung will das Kind beschäftigen.

Bei Rockzipfel gehen wir davon aus, dass Kinder den erwachsenen Bezugspersonen bzw. der Gemeinschaft gerne selbst folgen und einfach mitmachen, wenn sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben dürfen.

Heutzutage sind die Aktivitäten der Erwachsenen häufig isolierend (z.B. Computer), weshalb es die Kinder häufig schwer haben, nachzuahmen oder mitzumachen. Daher werden bei Rockzipfel verschiedenen “Arbeiten” verrichtet bzw. Aktivitäten nachgegangen, die diejenigen Eltern machen können, die gerade Zeit haben:

  • Gartenarbeit; evtl. Gemüsebeet (muss mit dem Vermieter abgesprochen werden)
  • Beobachtung von Insekten, Experimente
  • Ausflüge
  • Kochen
  • Putzen
  • Renovierungsarbeiten
  • Dekoration, Kunst
  • Aufräumen
  • Tiere pflegen (muss mit dem Vermieter abgesprochen werden)
  • Babys pflegen
  • Hobbys (Stricken, Basteln, Malen, Lesen…)
  • auch Arbeit am Computer
  • Tanzen, Singen, Turnen, Yoga (geht das mit Kinderlärm?) etc.
  • Ballspiele und andere Gemeinschaftsspiele
  • ...

So erleben Kinder, dass die Erwachsene mit Freude an die verschiedenen Tätigkeiten herangehen. Möglichst sollen die Kinder bei allen mitmachen dürfen – so wie sie es eben können. Dafür gibt es nach Möglichkeit zum Teil kleinere, kindgerechte Werkzeuge, sie dürfen aber auch mit den großen Werkzeugen arbeiten. Dabei ist es grundsätzlich egal, ob sie es “falsch” machen und ob sie mitmachen wollen – sie müssen es nicht. Sie können durchaus anderen Dingen nachgehen. Die Eltern verrichten trotzdem täglich diese Arbeiten, und laden so (automatisch, hier ist keine Aufforderung gemeint) täglich aufs Neue die Kinder dazu ein, mitzumachen.

Beispiel:
Statt: Magst du mir beim kochen helfen?
Lieber: Magst du mit mir kochen?

Es ist besser, die Tätigkeit beim Namen zu benennen. Es degradiert die Tätigkeit und Mitarbeit des Kindes, wenn sie lediglich als “Helfen” bezeichnet wird (zumal Kinder oft keine wirkliche “Hilfe” sind in dem Sinne).

Lob

Die lustvolle Mitarbeit aller Beteiligten muss nie gelobt werden. Wenn man das tut, impliziert man, dass das Kind das sonst nicht machen wollen würde und setzt eine entsprechende Erwartung an das Kind – davon gehen wir gerade nicht aus, im Gegenteil. Kinder möchten mitmachen und brauchen dazu auch nicht durch Lob motiviert werden. Kinder handeln hier prozessorientiert, nicht resultatsorientiert.

Spiel mit Kindern

Das Spiel mit Kindern soll kein Bespielen sein und kein Opfer darstellen. Manchmal laden Kinder zu einem Spiel ein, indem sie einfach irgend etwas für sie “Witziges” einige Male wiederholen. Wir können uns dann natürlich auch auf das Kind konzentrieren, aber im Sinne von sich auf den gemeinsamen Spaß oder die gemeinsame Aktivität einlassen, anstatt sich auf das Kind zu ”zentrieren” (z.B. mit dem Anspruch, dass es etwas lernt, dass ihm nicht langweilig ist, etc.)

Begleiter

Die Begleiter – bewusst nicht “Betreuer” genannt – sind diejenigen, die gerade den Überblick haben. Während ja alle oder die meisten Eltern anwesend sind und ihre Aufsichtspflicht nicht abgeben, ist es nicht ratsam, wenn bei jeder Wunschäußerung, bei jedem Streit, bei jedem Spiel sofort alle Mamas und Papas zum Ort des Geschehens rennen, um einzugreifen, zu helfen, etc. Deshalb werden “Begleiter” für bestimmte Zeiträume ernannt.

Begleiter sind für eine gewisse Zeit zuständig für den “Überblick”: sie sehen und hören, wer was braucht, wickeln, gehen raus, ziehen an, bringen zu Mama zum Stillen, holen was aus dem Kühlschrank, spielen intensiv mit den Kindern etc. Gleichsam können sich in dieser Zeit die anderen Eltern anderweitig beschäftigen, können bei Bedarf und Lust auch Kinder zum Mitmachen aufnehmen, können aber auch nach und nach Mal “delegieren”: “Geh Mal zur Julia, die macht das gerade”. Sofern die Kinder einverstanden sind, ist das ja gar kein Problem. Für alle anderen oder schlimmeren Fälle – Bedarf nach Trost, Stillen, Wickeln mal nur von Mama etc. – sind wir Eltern ja da.

Die Begleiter helfen den Kindern, das zu tun, was sie tun möchten, sofern sie wirklich Hilfe brauchen. Sie geben nichts vor, machen nichts vor und erklären auch nicht unbedingt irgendwas ungefragt. Die Kinder können bei Rockzipfel selbständig entdecken, was es für Möglichkeiten gibt – in der Umgebung und in ihnen selbst. Außerdem sollen sie von Begleitern nicht bewertet oder verglichen werden, um keinen Druck aufzubauen und den Kindern ihr eigenes Entwicklungstempo zu lassen. Vielmehr sind Begleiter aufgefordert, abwartend zu beobachten oder auch von Herzen mitzuspielen – ohne erzieherische Hintergedanken, sondern einfach: selbst Spaß haben!

Während also die anderen Erwachsenen mit ihrer Aufmerksamkeit ganz bei ihrer eigenen Beschäftigung sind – natürlich immer im Blick/Ohr bei den Kindern, wie zu Hause auch – stehen zwei erwachsene Begleiter komplett für die Kinder zur Verfügung, ohne in ihre Versuche einzugreifen. Kinder werden ihren eigenen Weg finden, mit den Herausforderungen der Umgebung und der sozialen Kontakte umzugehen. Um dies zu gewährleisten, müssen Erwachsene viel Vertrauen mitbringen – und eventuell auf Elternabenden viel Vertrauen “tanken”.

Zwischen Sicherheit und Risiko

Bei Rockzipfel treffen sich viele Eltern mit oft ganz unterschiedlichen Vorstellungen von Sicherheit, Gefahr und Risiko. Unsere eigene Geschichte, oft auch unser eigenes schlecht ausgebildetes Körperbewusstsein hindert uns daran, den Kindern zu vertrauen, dass sie – selbständigen Entscheidungen über ihre Bewegungsabläufe überlassen – sich nur das zutrauen, was sie auch können. Unsere Ängste sind berechtigt, und doch ist es bei Rockzipfel wichtig, sich gegenseitig zu helfen, die Grenzen zu öffnen und den Blick zu weiten für neue Erfahrungen, die ein neues Vertrauen in unsere Kinder stärken können.

Wenn Kinder von Anfang an daran gehindert werden, selbständige Bewegungserfahrungen zu machen, d.h. immer Hilfe bekommen, immer abgefangen werden, an bestimmte Bewegungen gehindert werden, können sie kein Körpergefühl entwickeln für: Was kann ich schon?, Wozu traue ich mich?

Lässt man Kinder in ihren Bewegungen “in Ruhe”, passieren erstaunlich viel weniger Unfälle, da sie nicht mehr auf unser Vertrauen, auf unser wachsames Auge, auf unsere Hilfe angewiesen sind oder zu sein lernen, sondern Selbstvertrauen entwickeln: in ihre Fähigkeiten, in ihren Köper. Zudem müssen sie nicht, nur um der Freiheit Willen gefährlichere Dinge ausprobieren, als sie schon können, weil sie an selbständigen Erfahrungen gesättigt sind und niemanden etwas beweisen müssen.

Obgleich wir Kindern helfen können, wenn sie Hilfe brauchen, müssen wir nicht sofort eingreifen, sobald sie Anzeichen machen, dass sie es vielleicht nicht können. Z.B. kann der Begleiter auch durch Worte helfen: Ja, genau, du schaffst das, mach weiter so, oder einfach nur signalisieren, dass er es gehört/gesehen hat und aufpassen wird. Ein Gespräch kann sich entwickeln (Du schaffst das nicht? Bist du sicher? Soll ich dir Mal helfen?) Es darf für die Kinder nicht der Eindruck entstehen, dass sie auf uns angewiesen sind, aber sehr wohl, dass sie jederzeit auf uns zählen können.

Achtung:
Während Kleinkinder von den meisten Plätzen wieder selbst herunter kommen können, wo hinauf sie es selbst geschafft haben, und sie gut einschätzen können, was sie dann dort oben machen können und was nicht, können sie das nicht, wenn wir sie auf Höhen hinauf versetzen, wohin sie von selbst nicht hätten gelangen können. Deshalb ist es wichtig, auch dahingehend möglichst wenig einzugreifen, wobei die Eltern natürlich auf Anfragen sehr wohl die Kinder auf eine bestimmte Wunschhöhe hieven können. Dann sollte man aber achtsamer sein als sonst.

All dies bedeutet nicht, dass niemand aufpassen sollte. Unfälle und Fehleinschätzungen können natürlich trotzdem passieren. Es ist für die Entwicklung der Kinder wichtig, dass wir zumindest nicht drängen, nicht auffordern oder über-motivieren, irgendwas auszuprobieren. Die Kinder haben genügend Zeit und werden genügend Vorbilder (andere Kinder und Erwachsene) haben, um sich alles anzueignen, was sie brauchen. Schafft man es, den Kinderkörpern immer mehr zu vertrauen, wird man bald überrascht sein, wie selbständig Kinder Wege finden können, etwas zu schaffen, was sie vorher noch nicht konnten, oder aus schwierigen Situationen selbständig wieder herauszukommen.

Grenzen

Bei Rockzipfel sind Eltern und Kinder frei (sie sind eigentlich auch sonst überall frei ;) aber es gibt viele Einrichtungen, die die Freiheit der Mitglieder stark einschränken). Zu Freiheit gehören automatisch Grenzen – nämlich die der anderen Menschen (Groß und Klein!). Wichtig für das Grenzen “setzen” sind neben dem respektvollen Umgang und der Klarheit des Ausdrucks, dass es sich um defensive Grenzen und nicht um aggressive Grenzen handelt.

Aggressive Grenzen werden “gesetzt”, um zu erziehen: Entweder, man will jemanden zu seinem “Glück” zwingen (Du darfst nicht so viel fernsehen, du solltest deine Freizeit anders verbringen_), oder man will ihn “vor sich selbst” schützen (Die Musik ist zu laut für deine Ohren), oder die Erwartungen anderer genügen (Was du machst stört eine dritte Person, höre damit auf). Bildlich dargestellt kann man sich vorstellen, dass man um sein Gegenüber einen “Kreis zeichnet”.

Defensive Grenzen sind solche, die denjenigen, der sie zum Ausdruck bringt, schützen sollen. Es geht nicht darum, den anderen zu verändern oder zu einer Änderung seines Verhaltens zu bringen, sondern darum, deutlich zu machen, dass hier die eigene Freiheit verletzt wird und man deshalb nicht bereit ist, den Zustand zu ertragen. Wie die Lösung aussieht, ist dabei offen. Bildlich kann man es sich so vorstellen, dass man einen Kreis um sich selbst “zeichnet”. So gesehen müssen diese Grenzen nicht aktiv “gesetzt” werden, weil sie schon da sind. Jeder ist dabei selbst für seine Grenzen verantwortlich – was nicht bedeutet, dass man anderen helfen kann, ihre eigenen defensiven Grenzen deutlich zu machen, falls sie Hilfe benötigen.

Wenn jeder auf seine defensiven Grenzen achtet und diese verdeutlicht, anstatt andere “in ihre Grenzen zu weisen”, entsteht ein harmonische(re)s Miteinander, in dem jeder die Grenzen der anderen respektiert. Um Grenzen und den Umgang mit ihnen kennen zu lernen, bedarf es nicht dem “Grenzen setzen”. Vielmehr ist es wichtig, dass die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft erfahren, dass ihre eigenen Grenzen respektiert werden. So entsteht eine “Kultur des Respekts”. Die Kinder empfinden dieses Vorgehen als “normal” und ahmen es nach. Deswegen achten sie dann auch die Grenzen der Erwachsenen, der anderen Kinder und der Gemeinschaft. (Im Gegensatz dazu finden es Kinder “normal”, andere in “ihre Grenzen zu weisen”, wenn ihnen selbst ständig aggressive Grenzen “gesetzt” werden).

Für die Erwachsenen ist es manchmal (oder oft!) schwierig zu entscheiden, wo ihre eigenen Grenzen im speziellen Fall sind. Oft sind die eigenen Grenzen flexibel und hängen von der Tageslaune oder anderen Faktoren ab, das stiftet zusätzlich Verwirrung.

Nachdem wir uns über diese im Klaren geworden sind, ist es wichtig, dass wir die Grenzen mit einer Klarheit übermitteln, die die Kinder verstehen können. Dies kann übrigens auch wortlos geschehen – manchmal ist das sogar besser. Wir dürfen uns nicht von den Reaktionen der Kinder verunsichern lassen: Es ist normal und OK, wenn sie Unmut darüber äußern, dass ihnen unsere Grenzen nicht gefallen! Sie dürfen weinen, traurig und/oder wütend sein! Wenn sich dadurch unsere Grenzen verändern, ist das OK. Aufopfern müssen wir uns aber nicht, wenn die Grenze stabil geblieben ist.

Wir streben an, möglichst nicht unsere physische Überlegenheit und Kraft dazu auszunutzen, unsere Kinder unter Zwang anzuziehen, zu wickeln etc. Bei Gefahr ist es mitunter notwendig, bei anderen Dingen sind Kreativität und Geduld angesagt. Oft gibt es andere Wege – und manchmal werden wir nicht kreativ genug sein. Dann ist es wichtig, dass wir ständig im Austausch bleiben, ohne Schuldgefühle entwickeln zu müssen, die für konstruktives Arbeiten hin zu kreativen Lösungen hinderlich wären.

Selbstständigkeit

Kinder können in vielen Lebensbereichen Selbständigkeit – aber auch Abhängigkeit erfahren. Naturgemäß erfahren sich Kinder je älter sie werden immer mehr als selbständige, eigenverantwortliche Subjekte. Sie geben diese Eigenverantwortung und Selbständigkeit ungerne ab – das merken wir deutlich an ihrem Unmut, den sie äußern, wenn wir sie einschränken bzw. meinen, sie einschränken zu müssen.

Andersrum wissen sie aber auch, dass sie in vielen Bereichen von uns abhängig sind. Dies kann sich in einem Gefühl der Geborgenheit ausdrücken – oder auch zu Frustgefühlen führen: nämlich dann, wenn sie merken, dass sie vieles schon selbst tun oder besorgen könnten, es ihnen aber noch abgenommen wird.

Beispiele für Bereiche, wo Kinder nach und nach – in ihrem eigenen Rhythmus und auf ihre individuell “richtige” Weise – Selbständigkeit lernen und erleben (können): Essen, Mitmachen beim Kochen, Tisch decken und abräumen, Hände waschen, Putzen, kreativ Sein, Aufräumen, An- und Ausziehen, Klettern, Spielen, Probleme Lösen, Ertragen oder Haben, Unterstützung Holen, Ablehnen oder Geben, etc.

Da Menschen jeden Alters generell meistens danach streben, möglichst selbständig und trotzdem in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein, ist es ein wichtiger Punkt bei Rockzipfel, die Selbständigkeit der Kinder nicht zu verhindern (aber auch nicht übermäßig zu fördern) und ihnen und allen Mitgliedern der Gemeinschaft zu helfen, ein selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Leben zu führen.
Konkret kann das so aussehen:

  • Beobachten, statt eingreifen
  • sich merken/notieren, wo in der Umgebung oder im Miteinander noch Defizite sind, damit sie im Elternabend besprochen werden können, um in Zukunft mehr Selbständigkeit zu gewährleisten. Z.B. merkt man, dass Kinder immer wieder bestimmte Dinge haben möchten, an die sie nicht dran kommen, dann versucht man eine Lösung zu finden (z.B. einen Hocker oder einen anderen Platz).
  • Begleiten statt erziehen.

Dies setzt viel Vertrauen und beziehungsorientiertes (statt erzieherisches) Handeln voraus.

Fallbeispiel:
Ein Kind möchte in den Garten gehen, sich aber dafür nicht anziehen, obwohl wir meinen, dass es zu kalt ist (Winter).

Wenn wir von Selbständigkeit reden, bezieht sich das nicht nur auf die körperlichen Fähigkeiten des Kindes. Es geht auch ausdrücklich darum, selbst Entscheidungen zu treffen. Die Fähigkeit, “richtige” Entscheidungen zu treffen ist (auch bei Erwachsenen) nicht immer voll ausgereift und oft auch abhängig von der Tagesform oder auch anderen Faktoren.

Es passiert oft, dass wir bei unseren Entscheidungen Fehler machen, weil wir entweder die möglichen Konsequenzen nicht vollkommen überblicken konnten (das kann sowieso niemand zu 100%) oder, weil wir sie falsch eingeschätzt haben. Wie schön ist es, wenn wir jemanden haben, der uns dann hilft und auffängt statt zu sagen: _Siehst du? Hab ich ja gesagt. Es geht dann nämlich um Kooperation (Wie können wir uns in Notsituationen helfen?) statt Konkurrenz (Wer hat Recht gehabt?).

Bei Rockzipfel begleiten wir solche “Fehlentscheidungen” der Kinder, indem wir sie zulassen und erst Mal schauen, was passiert. Oft finden Kinder selbst zu einer neuen Entscheidung, z.B., das Kind geht nach zwei Minuten doch wieder rein und holt sich die Jacke und den Schal. Wir können natürlich informieren (Draußen ist es kalt, bist du sicher?), sollten aber Raum für Fehler lassen.

Für uns Erwachsene ist es dabei manchmal oder oft schwer, dabei einfach “zuzugucken”. Wir sind es auch gewohnt, dass andere uns sofort auf unsere Fehler aufmerksam machen. Zudem wissen wir aus Erfahrung, dass es sich oft lohnt, auf die Warnungen oder Hinweise der anderen zu achten, um Fehler zu vermeiden. Manchmal wollen wir es aber selbst erfahren oder das Risiko eingehen – dies steht Kindern genauso zu, und durch ihren minderen Erfahrungsschatz ist es verständlich, dass es häufiger als bei uns Erwachsenen vorkommt.

Wir handeln nach folgenden Prinzipien, um diese Gratwanderung zu schaffen:

  • jeder Mensch darf Fehler machen, “falsche” Entscheidungen treffen und aus diesen lernen – oder eben (noch) nicht
  • da wir die Menschenrechte aller Menschen achten, führen wir keinen Zwang aus
  • Zwang ist nur bei akuter und offensichtlicher Gefahr nötig – auch bei Erwachsenen
  • da jeder Mensch Fehler machen darf, wird das Kind nach seiner “falschen” Entscheidung nicht kritisiert und auch nicht allein gelassen (z.B. aus Erziehungszwecken: Aha, dir ist jetzt kalt – tja, ich helfe dir jetzt nicht mehr in deine Sachen, ich hatte dich ja gewarnt). Bei seinem neuen Problem oder der neuen Entscheidung wird das Kind im Rahmen unserer Möglichkeiten unterstützt.

Nach diesen Prinzipien würde das Kind einfach ohne Jacke heraus gehen, der Erwachsene würde aber auf Kälteanzeichen achten und dem Kind beim anziehen helfen, wenn es sich dann doch um entscheidet – oder nach drinnen begleiten etc. Die Begleiter können auch vorsorgen: “OK, ich nehme einfach deine Jacke mit”, um dann später gleich helfen zu können. Wichtig ist, dass kein Erziehungsanspruch entsteht, sondern man dem Kind Zeit lässt, seine eigenen Fehler und Erfahrungen machen. Dabei wäre es gemein, wenn wir es dann beim Erfahren der “falschen Entscheidung” alleine lassen und nur begleiten wollen würden, solange es das tut, was wir vorschlagen. Deshalb muss das Kind dann auch nicht die Kälte “aussitzen”.

Beziehung statt Erziehung

Es ist wichtig, dass wir mit Kindern BEziehungen aufbauen. In Beziehungen haben Zwang und Entscheidungen “von oben herab” nichts zu suchen. Eine Beziehung ist geprägt von Vertrauen. Bei Kindern, vor allem bei unseren eigenen, geben wir schon bei oder vor Geburt einen “Vertrauensvorschuss”: Wir warten nicht erst, bis uns das Kind “bewiesen” hat, dass es vertrauenswürdig ist.

(Siehe “Beziehung statt Erziehung” unter Konzepthintergründe)

Bei Rockzipfel sind viele Menschen. Es ist schwer, in einer großen Gruppe mit jedem Menschen eine enge Beziehung aufzubauen. Die jeweiligen Begleiter und auch der Rest der Erwachsenen gehen mit Kindern hier in Anlehnung an Emmi Piklers Erfahrungen miteinander um. Während Kinder sich in der Ja-Umgebung frei und selbständig bewegen können, finden die Begegnungen mit den Erwachsenen automatisch vor allem in Pflegesituationen statt: Beim Wickeln, Hände Waschen, Anziehen, Füttern, Trösten, Begrüßung und Abschied etc.

Diese Pflegesituationen sieht Pikler nicht als schnell zu erledigende Arbeiten und notwendige Übel, sondern als einzigartige Momente der Begegnung: In diesen Momenten wenden sich die Begleiter/Eltern/Erwachsene den Kindern besonders zu und konzentrieren sich auf die Begegnung. Sie fertigen z.B. nicht alle Kinder “in einem Wisch” ab, sondern ziehen immer nur ein Kind zum Rausgehen an. Alles, was der Begleiter tut, wird kommentiert und angekündigt.

Bei Pflegesituationen, die alle Kinder zu ungefähr der gleichen Zeit betreffen, wird es dann so gehandhabt, dass ein Begleiter sich um die Pflege eines einzelnen Kindes kümmert, während der andere mit den anderen Kindern ist. So können die Kinder in Ruhe angezogen, gewickelt, gewaschen etc. werden.

Voraussetzung ist, dass genügend Zeit eingeplant wird und die Umgebung entspannt bleibt. So können diese Momente dazu genutzt werden, mit dem Kind eine Beziehung aufzubauen. Weiters ist es wichtig, dass auch in diesen Momenten der Begegnung erst abwartend/beobachtend betreut wird, anstatt gleich mit Hilfe einzugreifen. Die Begleiter können einschätzen lernen, was das Kind schon kann, was nicht, ob es wirklich Hilfe braucht oder nicht, etc. Es geht darum, echte Kommunikation herzustellen anstatt in eine Erziehungssituation zu treten.

Tipps:

  • Augenkontakt, gleiche Augenhöhe
  • Körperkontakt (je nach Situation)
  • Bewegungsfreiheit fürs Kind
  • Ruhe und viel Zeit, keine Eile
  • das Kind braucht Zeit, zu reagieren: Geduld!
  • Liebevolle Kommunikation, Tätigkeit selbst genießen

Achtung:
Wenn Begleiter zwar im Dienst sind, aber fühlen, dass sie gerade überfordert sind, weil sie z.B: genervt sind oder gerade am Rande des Genervtseitns, ist es ratsam und für alle Beteiligten von größerem Vorteil, wenn er sich an einen der anderen anwesenden Eltern wendet und den Dienst tauscht. Liebe volle Kommunikation und der Genuss der Pflegesituationen kann und soll nicht erzwungen werden.

Essen

Auch beim Essen haben die Kinder – genauso wie Erwachsene – die Freiheit, ihre Mahlzeit so zu gestalten, wie sie möchten. Wir geben den Kindern den Raum und die Zeit zu lernen, mit dem Essen umzugehen, “richtig” zu essen etc. Es macht daher auch nichts, wenn es es voll daneben geht, das gehört dazu und wird dann einfach aufgeräumt. Dabei kann das Kind auch helfen, aber nicht als Strafe.

Die Kinder entscheiden:

  • Ob sie essen und was
  • Wie und wie viel sie essen
  • Wann sie aufstehen, wie viel Zeit sie brauchen
  • Wo sie essen

Die Erwachsenen halten sich zurück und greifen nur ein, wenn:

  • Kinder sich gegenseitig beim Essen stören und offensichtlich bei der Regelung des Konflikts Hilfe brauchen
  • Kinder mit dem Essen (für alle) spielen (mit dem eigenen Essen können sie natürlich experimentieren, solange sie dabei niemanden stören)
  • Ein Kind unsere Hilfe wünscht oder offensichtlich braucht

Ablauf:
Obwohl alle Rockzipfel Teilnehmer jederzeit essen und trinken können und sich dazu möglichst selbständig aus der Küche bedienen können, wird eine “ritualisierte” Mahlzeit angeboten, an der jeder teilnehmen kann, wenn er möchte. In Anlehnung an Jean Liedloff gehen wir davon aus und vertrauen darauf, dass sich die Kinder den Ritualen der Gemeinschaft anschließen, wenn sie dazu bereit sind.
Der Ablauf der Mahlzeiten wird den Kindern durch die tägliche Wiederholung vertraut:

  • vor dem Essen: Wickeln, Hände waschen
  • gemeinsam Tisch decken
  • an einen Platz setzen
  • das Essen wird nacheinander serviert, wer sich selbst nehmen möchte, kann das machen.
  • „Guten Appetit“
  • wer fertig ist, kann den Raum verlassen, wenn er das möchte
  • essen, danach gemeinsames Aufräumen

(Dieser Ablauf ist noch nicht erprobt und kann sich entsprechend unseren Erfahrungen noch stark ändern!)

  • Wenn Kinder gefüttert werden wollen, wird das auch gemacht. Aber nicht, um den Ablauf zu beschleunigen oder zu vereinfachen.
  • Getränke gibt es zu jeder Zeit nach Bedarf.
  • Es gibt einen Ort, an dem sich Kinder selbständig und nach Bedarf mit Essen und Getränken versorgen können (Büffet: diese Einrichtung muss noch genauer durchdacht werden)

Zubereitung des Essens, Tisch decken und abräumen:
Die Kinder werden weder gedrängt noch über-motiviert, mitzumachen (höchstens eingeladen, als unverbindliches Angebot), der Eigeninitiative wird natürlich entgegen gekommen. Dabei wird auf Material nicht extrem viel Wert gelegt. Es ist OK und normal, wenn etwas kaputt geht, es wird auch nicht geschimpft oder genervt reagiert. Dann räumt ein Begleiter einfach auf/wischt auf, dem beteiligten Kind und allen interessierten können Tücher oder entsprechende Utensilien gegeben werden, um mit zu machen. Erfahrungsgemäß nehmen die Kinder die Einladung zum Wegwischen einfach an. Unmut darüber, dass es passiert ist, kann geäußert werden, aber nicht mit Blick auf einen “Schuldigen”, der besser hätte aufpassen sollen.

Statt: Mensch, kannst du nicht Mal aufpassen???
Statt: Pass doch Mal auf!!
Statt: Ach nein, jetzt hast du schon wieder…
Lieber: Ups, da ist das Ei runtergefallen, Mist. Ich hole uns Lappen.
Lieber: Oh nein, die Mehlpackung ist umgekippt. Hier ist ein Kehrbesen, ich halte die Schippe.
Lieber: Oh!! Mist! Der ganze Saft ist umgekippt. (Holt Papiertücher und gibt davon etwas dem Kind ab) Da! (bei der Übergabe. Erwachsener wischt einfach auf und vergisst möglich seinen Unmut. Das Kind wischt mit.)

Aufstehen:

  • Jeder Mensch darf vom Essen aufstehen, wann er will.
  • Jeder darf auch wieder zurück kehren. Wenn einer erst dann zurück kommt, wenn alle Anwesenden schon zu Ende gegessen haben, kann das Essen für denjenigen noch Mal aufgewärmt werden.
  • Die zuständigen Begleiter gehen bei Bedarf mit den Kindern aus dem Raum, die den Raum verlassen haben, so können die anderen in Ruhe essen, und es muss nicht immer der jeweilige Elternteil mit gehen.
  • Ein Erwachsener oder Begleiter bleibt da, bis das letzte Kind gegessen hat.

Tagesablauf

Obgleich jeder frei ist, das zu tun, was er möchte, solange er andere nicht stört (wobei sich diejenigen, die sich gestört fühlen, selbst wehren), spielen sich mit der Zeit einige “Rituale” ein, die allen eine Orientierung sind und den Ablauf mit vielen Menschen erleichtern.
Vorschlag für einen freiwilligen Basis-Ablauf, mit dem wir anfangen können:

  • Begrüßungsrunde mit einem Spiel oder Lied (?)
  • Ausflüge in den nahegelegenen Park oder Garten
  • Vorbereitung des Essens
  • Essen
  • manche Kinder werden schlafen wollen
  • gemeinsames Aufräumen
  • Abschiedsritual

Da dieser Ablauf noch nicht erprobt ist, gilt auch hier: Starke Veränderungen möglich!
Spiel ist so selbstverständlich, dass er nicht fest eingeplant ist. Es geschieht einfach, am Besten immer :-)

Konflikte

Bei allen Konflikten hilft es oft, wenn ein entspannter Begleiter sich einfach dazu setzt. Oft entspannt sich die Situation dann einfach wie von selbst, wenn man schon frühzeitig Anzeichen für Spannungen gefühlt hat und darauf mit minimaler Begleitung reagiert. Wenn die Situation bereits eskaliert ist, helfen folgende Strategien:

Zwei Kinder “streiten” sich um eine Sache.
Oft können Kinder solche Konflikte alleine lösen. Wir müssen nicht gleich eingreifen. Wenn wir das immer tun, rauben wir ihnen wichtige Erfahrungen, die sie selbst machen könnten, um mit Konfliktsituationen eigenverantwortlich umzugehen.
Vorgehensweisen:

  • Haltung einnehmen: Wir sind nicht diejenigen, die kommen, um das Problem zu lösen, sondern sind da, falls Hilfe gebraucht wird. Deshalb greifen wir auch nicht ein, solange die Kinder nicht deutlich signalisieren, dass sie Hilfe brauchen. Solange brauchen wir auch noch nicht hinzugehen. Es reicht zunächst, weiter wachsam zu sein.
  • zunächst abwarten
  • nur diejenigen Begleiter “im Dienst” sind zuständig. Davon sollte einer bei den Kindern bleiben, die sich nicht für den Konflikt interessieren, während der andere zur Verfügung für die “Streitenden” steht, falls es eskaliert oder unsere Hilfe wirklich gebraucht wird.
  • Verzicht auf Ratschläge, Anweisungen (Du kannst Dir ein anderes nehmen, Gib es ihm/ihr wieder, Gleich kannst Du es haben, etc.)
  • Wiedergeben, was man beobachtet, zeigen, dass man die Kinder wahrgenommen hat und Verständnis zeigen für die Wünsche und Ängste der Kinder
  • Alle Beteiligten beachten, anstatt nur das vermeintliche “Opfer” bzw. den “Täter”.
  • Wenn die Kinder eine Lösung gefunden haben, mit der sie zufrieden sind, dann so belassen – auch wenn uns diese Lösung als merkwürdig oder unfair erscheint

Beispiel:
Zwei Kinder streiten sich um bestimmte Legosteine

Statt: Du kannst Dir einen anderen Stein nehmen. (Lösung, Rat)
Lieber: Du hättest auch gerne diesen Stein. (Spiegeln, Verständnis zeigen)

Statt: Nimm dir doch einfach einen anderen Stein. (Lösung, Rat)
—> Das Kind soll die Lösung des Erwachsenen annehmen, fühlt sich vielleicht bevormundet, hat selbst nicht die Möglichkeit, eine Lösung zu erdenken.
Lieber: Da liegen noch mehr Steine. (Information)
—> Das Kind kann selbst entscheiden, was er mit dieser Information macht.

Sehr oft hilft auch einfach nur Zuhören:

Statt: Nimm dir doch einfach einen anderen Stein.
Statt: Du hättest auch gerne diesen Stein.
Statt: Da liegen noch mehr Steine.
Einfach: Aha.
oder: Hm-hm.
oder: Ach so.
...

Beispiele für mögliche Signale der Kinder:

  • Kind ruft explizit nach einem Begleiter oder bittet um Hilfe
  • Die Situation eskaliert (z.B. eins der Kinder leidet sehr und zeigt das).
  • Kind sucht vermehrt Blickkontakt mit einem Begleiter.

Hauen, Beissen, Schubsen, Kratzen, Treten etc.:
Diese Verhaltensweisen sind nicht selten. Es gibt unterschiedliche Gründe – es kann der Charakter des Kindes sein; ein Kind kann sehr unzufrieden sein und sich noch nicht anders ausdrücken können; es kann solches Verhalten häufig beobachtet haben oder selbst erlebt haben – sicher gibt es auch noch mehr Gründe.

Wichtig ist auch hier, dass wir uns Erwachsene versuchen, zurückzuhalten, vor allem was Schuldzuweisungen angeht: Meistens benötigen gerade beide Kinder unsere Begleitung, und oft ist es auch für uns nicht mehr nachvollziehbar, wer “angefangen” hat oder wer “schuld” ist.

Viel wichtiger ist hier der Schutz der Kinder (vor Gewalt), und dass ihre Bedürfnisse befriedigt werden.

Schutz:
Am offensichtlichsten braucht derjenige Schutz, der gerade geschlagen/getreten/etc. wird. Das können wir sogar ganz lautlos machen, indem wir uns einfach dazwischen stellen oder die Hand dazwischen halten und signalisieren: Das lasse ich nicht zu. Dies geht einher mit unseren eigenen Grenzen: die meisten von uns können so was nicht ohne weiteres nur beobachten, ist auch nicht der Sinn der Sache.

Der “Täter” braucht aber auch Hilfe. Vielleicht ist das Täter das eigentliche “Opfer”, vielleicht hatte der andere “angefangen”, mit einer zwar nicht körperlichen, aber nicht minder großen Ungerechtigkeit, die das Kind so verstört hat, dass es sich in diesem Moment nicht hatte anders ausdrücken können. Oder es ist aus einem anderen Grund aus dem Gleichgewicht gekommen. Daher ist es wichtig, dass wir auch dieses Kind und seine Bedürfnisse ernst nehmen.
Strategien:

  • Hand oder Körper dazwischen stellen
  • Klare Worte, ruhige Stimme; alle eigenen Handlungen sprachlich begleiten
  • zur Not das geschlagene Kind aus der Situation rausnehmen an einen geschützten Ort bringen
  • Ablenken
  • Hilfe zur Selbsthilfe geben: “Renn weg!” “Komm zu mir!”

Es ist wichtig, dass die Kinder nicht “abhängig” von unserem Eingreifen werden. Deshalb treten wir nicht als Löser des Konflikts auf, sondern als Helfer, die möglichst wenig tun sondern dazu beitragen, dass es beim nächsten Mal vielleicht von alleine klappt (z.B. durch Hilfe zur Selbsthilfe).

Wenn wir eingreifen, dann nie mit dem erhobenen Zeigefinger. Wir gehen davon aus, dass Kinder soziale(res) Verhalten lernen werden, wenn wir uns selbst sozial verhalten und ihnen Vertrauen schenken. Wenn wir selbst andere von oben herab behandeln, ist es kein Wunder, wenn sie uns das nachmachen und andere Kinder so behandeln, wie sie es gewohnt sind. Ihr Verhalten wird daher nicht bewertet und schon gar nicht bestraft.

Ein intensiver Austausch auf dem Elternabend über solche Situationen, wenn wir sie bei Rockzipfel beobachten, ist besonders wichtig. Wir sind selbst oft schon stark vorbelastet und wissen nicht, wie man in solchen Situationen “respektvoll” oder gar “gleichberechtigt” handeln kann. Da wir selbst keine Vorbilder haben, müssen wir selbst einen Erfahrungsschatz aufbauen, aus dem wir schöpfen können: Was hat gut geklappt? Was nicht? Wo brauchen wir noch Hilfe? Bei Bedarf kann z.B. auch ein “Experte” für bestimmte Fragen eingeladen werden.

Kleine Kinder, die noch nicht sprechen können:
Wenn es noch sehr kleine Kinder sind, braucht man nicht viele Worte. Man kann sich einfach dazwischen stellen und den Schaden verhindern. Oder einfach ablenken. Natürlich kann und sollte man trotzdem sagen, was man gerade macht. Außerdem gilt es zu versuchen, die eigentlichen Bedürfnisse der Kinder zu erkennen und diese nach Möglichkeit zu erfüllen oder umzuleiten.

Konflikte zwischen Kindern, die noch nicht sprechen können, und Kindern, die schon sprechen können:
In diesen Fällen kann man die Situation genauso unterbinden/beenden/umleiten wie bei Konflikten zwischen Kindern, die noch nicht sprechen können. Es wird nur unterschiedlich kommuniziert.

Kommunikation

Die Sprache soll bei Rockzipfel der Kommunikation und dem Aufbau einer Beziehung zwischen den Teilnehmern dienen, nicht der Erziehung oder Manipulation. Es geht vorrangig darum, wirklich miteinander zu kommunizieren, sich kennen zu lernen, miteinander zu agieren. Echte Kommunikation zeichnet sich dadurch aus, dass Informationen und Meinungen austauscht werden und kein Anspruch darauf besteht, dass der andere die Meinungen annimmt. Es geht um den Spaß an der Kommunikation, weniger um Anweisungen. Wir wollen uns gegenseitig kennen lernen und Interesse aneinander zeigen.

Durch Sprache sollen außerdem eigene Grenzen und Bedürfnisse ausgedrückt werden statt erzieherische Befehle, Ratschläge oder Maßnahmen.

Es ist dabei wichtig, dass nicht nur das eigene Bedürfnis oder die Grenze deutlich gemacht wird (Ich möchte…(nicht)), sondern dass auch versucht wird zu deuten oder zu erfahren, was das eigentliche Bedürfnis des anderen ist (Du hast anscheinend Spaß beim Matschen!/Das Gefühl in deinen Händen fühlt sich lustig an, was?) und ein Alternativvorschlag folgt (Du kannst gerne im Garten matschen./Du kannst mit deinem eigenen Essen matschen./Schau Mal hier, ich hab Fingermalfarben./Wollen wir zusammen Kuchen backen?).

In Gefahrensituationen ist es allerdings nicht unangebracht, “Befehle” zu geben. Da gilt es, schnell zu reagieren. Gehört das nicht zum Alltagston, werden Kinder eher überrascht sein als genervt, und werden viel eher davon ausgehen, dass es sich hier um etwas wirklich wichtiges handelt, wo Kooperation angesagt ist.

Kooperation

Wir gehen von einer natürlichen Kooperationsbereitschaft aus. Kinder möchten kooperieren, und das tun sie sowohl im Guten als auch im Schlechten und oft nur auf der Gefühlsebene. Es ist daher ratsam, die Kommunikation und den Tagesablauf so zu gestalten, dass die Kinder kooperieren können.

Kinder können nicht effektiv kooperieren, wenn sich unsere Erwartungen widersprechen. Erwartungen widersprechen sich, wenn wir z.B. Erwartungen einerseits äußern, aber gleichzeitig deutlich machen, dass wir eigentlich davon ausgehen, dass sie diese geäußerten Erwartungen sowieso nicht erfüllen werden.

Deutlich wird dies wenn man an Drohungen denkt: Wenn du wieder Dreck machst, dann darfst du das und das nicht mehr benutzen.

  • Das zeigt dem Kind einerseits, dass von ihm erwartet wird, keinen Dreck zu machen
  • andererseits aber auch, dass von ihm sowieso schon erwartet wird, dass es trotzdem Dreck machen wird – sonst hätte man sich ja nicht schon eine Konsequenz bzw. Lösung für diesen Fall ausgedacht.

Die Kinder erleben/verstehen diese beiden Erwartungen und wollen naturgemäß kooperieren – daher machen sie beides, und können doch niemanden damit “zufrieden stellen”. Oder sie machen nichts von beiden.

Diesen Zwiespalt wollen wir unseren Kindern ersparen. Daher ist Vertrauen so wichtig: Wenn wir unseren Kindern richtig vertrauen können (dass sie lernen, dass sie sozial sind, dass sie nichts Böses wollen etc.), dann wird automatisch nur eine Erwartung ausgedrückt. Dann ist es für das einfacher zu kooperieren – und für uns natürlich auch schöner, wenn sie mit unseren positiven Erwartungen kooperieren statt zusätzlich noch mit unseren Befürchtungen und Vorurteilen.

Da dieses Vertrauen nicht in jedem sofort steckt, wollen wir uns gegenseitig helfen, Vertrauen zu tanken und Erfahrungen zu machen, die dieses Vertrauen stärken.

Ein Gefühl für das Selbst

Gerade bei Kindern, die sich schon gut verständigen können, ist es gut, wenn man die eigene Meinung zurückhält, bevor man auf Fragen antwortet. Man kann stattdessen zurück fragen: Was meinst du dazu? Hast du da schon an eine Lösung gedacht? Hast du eine Idee? Oft fragen Kinder auch nur, um sich ihrer eigenen Theorie rückzuversichern. Wir können ihnen mit Rückfragen die Möglichkeit geben, ihre Theorie Mal auszutesten, wenn sie es wollen. So kann man sie dabei unterstützen, das Gefühl für ihre eigenen Fähigkeiten zu behalten.

Stillfreundliche Umgebung

Bei Rockzipfel sollen sich Langzeitstillerinnen und Stillabbrecherinnen gleichermaßen wohl fühlen. Jede Mutter hat mit ihrem Kind ihre eigenen Vorstellungen und Lösungen.

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