Gleichberechtigung bei uns zu Hause – Unsere Anfänge
Mitte Januar 2007, also vor gut 4 Wochen, habe ich mich entschieden, meine Kinder (2 und 11 J.) nicht mehr zu erziehen und sie in der ihnen zustehenden Freiheit aufwachsen zu lassen und sie dabei so gut wie es mir möglich ist zu begleiten und zu unterstützen. Meine – unsere – Erfahrungen dabei möchte ich hier im Blog mit euch teilen. Heute besonders über die momentane Entwicklung bei meinem Grossen, der ja nun, obwohl er mMn schon relativ frei aufgewachsen ist, dennoch bereits 11 Jahre Erziehung hinter sich hat.
Angefangen habe ich damit, einfach öfter mal “Ja” zu sagen zu Fragen bezüglich Fernsehen, Süssigkeiten etc. – es hat nur 2 Tage gedauert, dann hat mein Sohn schon nachgefragt, was eigentlich mit mir los sei, ich sei so anders, und ich hab es ihm erklärt. Er war erstmal sehr erstaunt und sehr erfreut. Hat sofort angefangen, seine Freiheit zu geniessen, Fernsehen, DVDs und Computer stundenlang, auch gern mal 3 Filme hintereinander. Süssigkeiten und Chips den ganzen Tag, falls verfügbar. Pizza-essen abends um elf, schmutziges Geschirr und Essensreste bleiben überall stehen, er räumt sein Zimmer nicht mehr auf und Waschen und Zähneputzen sind auch auf der Strecke geblieben. Ausserdem macht er kaum Hausaufgaben und bleibt immer öfter mal zuhause statt in die Schule zu gehen. Etwa 1-2 Tage die Woche. Früher waren es etwa 3-4 Tage im Monat, an denen er dann morgens “krank” war (und spätestens um 10 wieder fit ;) ) ... fand ich immer okay. Jetzt täuscht er keine Krankheit mehr vor sondern sagt einfach “ich bleibe heute zuhause”. Oftmals geht es ihm allerdings morgens wirklich nicht sooo gut – Kunststück, bei diesem Lebenswandel ;)
Das waren übrigens auch tatsächlich die am stärksten reglementierten Themen bei uns – Bildschirm, Aufräumen, Essen + Essenszeiten und -orte. Offensichtlich hat er da grossen Bedarf an eigenem Entscheidungsspielraum.
Ich schlage ihm weiterhin immer mal wieder gemeinsame Aktivitäten, gemeinsame Mahlzeiten etc vor – das nimmt er teilweise an, häufig aber auch nicht. Ich hoffe darauf, dass es wieder mehr werden wird.
In den ersten 1-2 Wochen war er sehr freundlich, auch sehr hilfsbereit, viel mehr als vorher. Also hat z.B. auf meine Bitte hin sofort den Müll rausgebracht etc. Zwischen ihm und seinem weiterhin erziehenden Vater dagegen ist der Umgangston zunehmend heftiger geworden … und inzwischen ist er uns allen gegenüber teilweise sehr unfreundlich, schreit rum, ist rücksichtslos … sehr anstrengend! Und ich schaffe es trotz bester Vorsätze nicht immer, freundlich und gelassen zu bleiben …. (aber immer öfter ;) )
Z.B. schreit er oftmals seine kleine Schwester derart an …. das kann ich dann auch nicht so stehenlassen. Zumindest muss ich sie trösten und ihr vermitteln, dass das so nicht in Ordnung ist. Er erzieht sie auch aufs heftigste – na klar, er tut das, was er im Laufe seines Lebens gelernt hat.
Wenn mir doch mal wieder was “Erzieherisches” rausrutscht, spreche ich danach mit ihm darüber. Seiner Unordnung räume ich momentan, meist kommentarlos, sehr viel hinterher – für eine Übergangszeit finde ich das okay, aber natürlich will ich das nicht dauerhaft machen und sage ihm das auch gelegentlich. So im Sinne von meiner Freiheit, die ich auch respektiert haben möchte. Das ist auch ein Problem: die Grenzen, die Freiheit von uns anderen ignoriert er, sieht momentan nur seinen Willen und seine Rechte. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich das noch ändern wird.
Gelegentlich eskalieren die Situationen: neulich ist er morgens nach einem langen Abend vor dem Fernseher nicht in die Schule gegangen, hat auch den Zahnarzttermin am Nachmittag verweigert. Wir haben dann nachmittags zusammen gelesen (ich lese ihm noch immer vor, wir mögen das beide, und lesen auf diese Art zusammen häufig Bücher, die uns beiden gefallen, wie Eragon oder Harry Potter oder ähnliches.) Die Kleine war natürlich dabei, sie wollte spielen, er aber nur zuhören, sie hat ihn gestört, hat laut gesungen, er hat sie angeschrieen …. ich hab aufgehört zu lesen, denn ich mag nicht vorlesen, wenn eh keiner zuhört. Der Grosse schreit “ist jetzt endlich Ruhe” und ich sage, ja, okay, jetzt ist Ruhe und ich höre auf zu lesen. Hm. Bessere Lösung? Keine Idee. Er stürmt daraufhin wütend und türenknallend aus dem Raum. Das passiert ziemlich häufig zur Zeit.

Liebe Junimond,
danke für diesen Einblick in eure Anfänge! Das hört sich zu 99% genauso an wie es bei uns war! Zum Teil war es wirklich nervenaufreibend und äußerst anstrengend. Sehr häufig wusste ich einfach nicht, was ich tun sollte, und oft konnte ich es nicht aushalten “ohne Erziehung”. Ich finde es besonders interessant, dass die Kinder bei Entlassung in die Freiheit erst Mal extrem freundlich und hilfsbereit sind und dann eine Weile wieder gar nicht, eher extrem im Gegenteil. Und dann doch wieder, extrem freundlich und hilfsbereit, jedenfalls verglichen mit dem Normal-Kind – vielleicht ist dieses “Extrem” doch eigentlich “normal” :)
Gruß
Johanna
Hallo Junimond!
Ich finde es extrem mutig von dir, auch die frustrierenden Erfahrungen beim Nicht-Erziehen öffentlich zu teilen.
In »Zeit für Kinder« gibt EvB den Tipp, das Kind zu fragen, was man mit seiner Angst tun soll. Z.B.: »Ich will dich nicht mehr erziehen und dir Dinge vorschreiben, aber was soll ich mit meiner Angst tun, dass meine Grenzen nicht respektiert werden?«
Irgendwo schreib EvB auch, dass es kaum etwas Schwierigeres gibt als einem Kind, das sich mal an Zügeln befand, die Zügel zu lösen.
Die perfekte Ergänzung zu den Antipädagogik-Büchern ist meiner Meinung nach die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg:
Wenn dein Sohn die anderen Familienmitglieder schikaniert, dann macht er das aus einem gesunden Bedürfnis heraus. Es gibt natürlich kein Bedürfnis Mitmenschen zu quälen; sein Bedürfnis ist Autonomie (»mir sagt niemand mehr, was ich zu tun und zu lassen habe«).
Wenn man sich mit diesem Bedürfnis empathisch verbindet, bekommt er die Einfühlung, die er braucht. Bevor er die in genügendem Maße bekommen hat, wird es schwierig, mit ihm zu reden oder gar Bitten an ihn zu richten.
Wenn er mal genügend Einfühlung bekommen hat und offener wird, dann wäre ein Satz nach Rosenberg:
»Wenn ich deine T-Shirts hier im Flur finde, dann macht mir das Sorgen, weil ich ein Bedürfnis nach Ordnung habe. Würdest du die zwei Hemden in den Wäschekorb legen?«
Das wird dann ziemlich sicher als Forderung bei ihm ankommen. Und dann sollte man sich wieder einfühlen: »Wenn du meine Bitte hörst, die T-Shirts wegzuräumen, macht dich das wütend, weil du ein Bedürfnis nach Freiheit hast? Könntest du mir bitte sagen, wie ich das formulieren kann, sodass es nicht als Forderung bei dir ankommt?
Und so weiter. Die gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg kann man leider nur sehr schlecht aus Büchern lernen, aber vielleicht habe ich dich ja neugierig auf ein Seminar gemacht.
Ich verkaufe übrigens keine Seminare und verdiene damit auch kein Geld. Ich bin nur ein begeisterter Teilnehmer.
Gruß Oliver