Übergangszeit und Schule
Die Schulsituation bei uns wird zunehmend schwieriger. Mein Sohn geht seit einem halben Jahr in die 5. Klasse einer Gesamtschule – und dort geht es ganz schön anders zu als in seiner im Grossen und Ganzen doch recht guten Grundschule vorher. Der Unterricht in den meisten Fächern langweilt ihn und den Druck zu funktionieren sowie die Willkür der Lehrer empfindet er sehr schlimm. Ein Lehrer tauscht z.B. gern mal seine Sportstunden gegen ein anderes Fach aus und sagt auf Kritik meines Kindes dazu nur, das sei sein Unterricht und er mache was er wolle! So geht mein Sohn also mit nachlassender Begeisterung hin, verweigert sich zunehmend, bekommt bei einem Lehrer regelmässig Kopfschmerzen (in Mathe, was früher eines seiner Lieblingsfächer war!) und hat in den letzten Monaten meiner Beobachtung nach überwiegend Vermeidungsstrategien gelernt und Motivation verloren.
Ich vermute auch, dass ihm durch die gewonnene Freiheit daheim der enge Rahmen in der Schule noch mehr auffällt. Und vielleicht hat ihn auch mein Lesen und Reden über Homeschooling/Unschooling beeinflusst? ... jedenfalls geht er immer seltener in die Schule, letzte Woche war er 4 Tage lang zuhause. Am dritten Tag gab es Streit deswegen – ich bin ja grundsätzlich dafür und bereit ihn zu unterstützen, wenn er unschoolen möchte. Aber ich bin noch nicht so weit, bin noch auf der Suche nach einer für uns möglichen Lösung und will mich nicht so unvorbereitet mit den hiesigen Behörden auseinandersetzen müssen. Und er war so überhaupt nicht gesprächsbereit, als ich mit ihm darüber reden wollte, hat nur abgeblockt. Nach ein paar sehr heftigen Stunden, in denen er überwiegend “sinnlos” herumgeschrieen hat und alles mögliche wollte, was gerade nicht ging – ich habe nicht herausgefunden, was er wirklich wollte, habe es aber immerhin geschafft, ruhig zu bleiben, hat er irgendwann angekündigt, er würde auch am nächsten Tag zuhause bleiben. Und über sein Leben nachdenken, darüber, wie er weitermachen will. Uff.
Am nächsten Tag ist er erst gegen Mittag aus seinem Zimmer gekommen und hat seinen Entschluss bekanntgegeben: er wolle versuchen, künftig in der Schule mal das Positive zu sehen, nicht immer nur das Negative. Fand ich eine wirklich gute Idee und überraschend konstruktiv! Er ist dann am nächsten Schultag auch wieder losgegangen. Und hat nachmittags erzählt, es hätte funktioniert; der Deutschunterricht (sonst eher unbeliebt) hätte richtig Spass gemacht. Aber in Mathe habe er doch wieder Kopfschmerzen bekommen. Grr. Manche Lehrer sollte man wirklich nicht auf die Schüler loslassen!
Am nächsten Morgen allerdings schon wieder “ich gehe heute nicht in die Schule”. Allerdings war er jetzt viel offener. Wir konnten reden. Er hat gesagt, er sei nicht krank. Aber demotiviert. Ich habe ihm gesagt, ich sei gerne bereit, ihn zu unterstützen und mit ihm zusammen eine Lösung zu suchen. Habe ihm die Möglichkeiten beschrieben, naja, die Ansätze … und auch die Risiken im Umgang mit den Behörden beschrieben und ihm gesagt, dass ich noch Zeit brauche und diese Risiken momentan, ohne mehr Informationen, nicht eingehen möchte. Wir haben vereinbart, dass er 1-2 Tage die Woche daheim bleiben kann, aber an den übrigen Tagen in die Schule geht.
Ich bin gespannt, wie es weitergeht – und sehr froh, dass wir wieder miteinander sprechen und zusammenarbeiten, ich habe das Gefühl, dass wir einen Schritt weiter sind in unserer Beziehung.

Wow, 1-2 Tage die Woche, das könnte ich nicht. Ich habe Angst, dass sie dann nicht mehr mitkommt und es nur noch unangenehmer für sie wird. Wir haben ausgemacht, solange sie den Stoff sowieso verstanden hat, mache ich die Hausaufgaben für sie, ansonsten machen wir zusammen und Ausfälle machen wir länger am Stück, aber nicht jede Woche, sondern irgendwann zwischen größeren Ferien. Mich macht das total wahnsinnig, wenn die Option besteht, so oft zu fehlen, denn selbstverständlich fällt das irgendwann den Lehrern auf. Dann kommt das Kind irgendwann unter besondere Beobachtung. Das muss ja nicht sein, dadurch wird die Schulerfahrung nur noch schlimmer (noch mehr Kontrolle).
Wir hatten auch viel Streit deswegen. Ich hoffe immer noch, dass wir einen Platz in der freien Schule bekommen. In die Sudbury Initiative zu gehen traue ich mich nicht und die “Schreckensmeldungen” über Melissa und andere, die gerade durch die Mailinglisten kursieren schaffen es in der Tat, mich abzuschrecken. Daher habe ich eine klare Linie vorgegeben und gesagt, dass ich das einfach nicht mit mache, und nach vielen Tränen und Leid (von uns beiden!) hat sie es ganz vernünftig eingesehen (wirklich “vernünftig” – ich weiß 100%ig, dass sie verstanden hat, worum es geht und was auf dem Spiel steht und dass es keine Willkür von mir ist, sondern dass mir eher die Hände gebunden sind) und fühlt sich seitdem auch wohler in der Schule.
Klar, auch sie kann jetzt nicht anders, als das “Positive” an der Schule hervorzuheben – jedes Kind muss das machen und tut es auch, sie würden ja sonst alle völlig depressiv, wenn sie nicht die negativen Gefühle einfach unterdrücken würden. Aber meine Tochter weiß wenigstens, dass sie 1. wirklich verstanden wird, und zwar nicht nur von gleichaltrigen Mitleidenden, sondern von ihren Eltern und dass diese 2. sich wirklich um eine bessere Lösung bemühen und wenigstens kann meine Tochter zu Hause ihre Freiheit genießen, und das ist etwas, was mit hoher Wahrscheinlichkeit kein einziges anderes Kind in der Schule kann – und das rechnet sie mir hoch an. Sie weiß, dass ich es zulassen würde, wenn ich könnte. Ich finde schon, dass hier der “gute Wille” enorm zählt.
Gruß
Johanna
Ja, wir kannten das auch…die Kinder wollten nicht mehr in die Schule…erst war auch die Sorge da…sie lernen nicht, sie kommen nicht mehr nach et cetera….nach Behandlungen/Misshandlungn meiner Kinder in der oeffentlichen Schule, wie z.B. 40 minuetiges Stehen an der kalten Wand, nachdem ein Schneeball geformt wurde, hatte ich dann im wahrsten Sinne des Wortes “die Schnauze voll”. Ich habe meine Kinder aus der Schule genommen…. ich muss dazu sagen, ich befinde mich im Moment in den USA…..habe sie zuhause unterrichtet…und nach Homeschooling kam dann Unschooling….meine Toechter sind nun alle in einer Sudbury Schule, uns konnte nichts besseres passieren. Die Kinder haben keine Druck mehr, sie lernen nur wenn sie moechten, wennsie muede sind, koennen sie sichauf einem der vielen Sofas ausruhen, wenn sie musizieren moechten, wird ein Musiklehrer bestellt! Und wenn sie einen ganzen Tag verstecken spielen moechten, im Garten (kein Zement Pausenhof) der Schule, dann ist das auch o.k. Am Anfang war natuerlich die Angst im Nacken…oh Gott, jetzt lernen sie wieder nichts….. aber ganz im Gegenteil. Die Lehrer werden beim Vornamen genannt, niemand setzt sie unter Druck, niemand macht sie fertig und keiner “belohnt” oder “bestraft” sie, der Konkurrenzkampf faellt weg, das staendige Denken “ich muss der/die beste sein”, selbst-initiertes Lernen…und was geschah? Meine mittlere Tochter liesst das erste Mal ganz allein, kein Zwang mehr mit 20 Minuten lesen am Tag ( typischer Vorschlag in USA fuer Eltern)
Die juengste versucht sich selbst das lesen beizubringen,am besten ignorieren, denn wenn du reinredest, hoert sie sofort auf….und es funktioniert! Meine aelteste kann endlich tun, was sie am meisten liebt…Mathematik. Keiner stoert, keiner korrigiert, nur wenn sie moechte, bekommt sie Hilfe. Das Selbstvertrauen, in ihre eigenen Moeglichkeiten bei meinen Kindern ist enorm. Sie wissen nun, das sie alles koennen, was sie moechten! Ich weiss nun warum es funktioniert, nachdem ich einige Stunden als stiller Beobachter in der Schule war: Ich selbst werde nur lernen und verstehen, was ich selbst fuer interessant, lesenswert, ueberlegenswert halte…warum sollte es dann bei meinen Kindern anders sein? Warum kann ein Kind nicht einfach das lesen was es als interessant empfindet…..ist das nicht eine wahnsinnige Motivation? Mein Mann liebt Starwars, ich hasse es, ich wuerde es niemals lesen, und wuerde man mich zwingen, spaetestens nach 2-3 Seiten wuerde ich es in die cke schmeissen und koennte mich 100%ig nicht mehr erinnern, was ich ueberhaupt gelesen habe! Also…..lass’ ich die Kinder die Auswahr treffen, was sie wirklich wissen moechten….meine aelteste kam in der oeffentlichen Schule keinen Schritt weiter mit lesen, weil es in ihren Augen “unbrauchbar” war, was sie lesen musste. Jetzt bitte nicht lachen..aber sie interessiert sich fuer Voodoo, Reinkarnation et cetera…...warum kann sie auf einmal lesen, wenn sie selbst ihren Lesestoff aussuchen kann???!!! Unschooling ist bis heute das einzige “System” das ich in meinen 39 Jahren gesehen habe, das wirklich, bedingungslos Sinn macht…. ich hoffe sehr, von ganzen Herzen, das sich Homeschooling und noch mehr Unschooling in D durchsetzen wird, denn ein Elternteil der sich so mit seinen Kindern beschaeftigt, zeigt wirklichen Interesse an den Wuenschen seiner Kinder und behandelt sie als gleichwertigen Partner! Viele Unschollers haben, auch hier in USA, mit dem Vorurteil eines vernachlaessigenden Elternteils zu kaempfen, ich bin aber der Meinung, das sich diese Menschen, die ich hier kennenlernen durfte wirklich Gedanken ueber die Bildung ihrer Kinder machen und im Endeffekt ja “reparieren” muessen was das regulaere Schulsystem an den Kindern und ihrer Wuerde kaputt macht/machte! Ueber eine Rueckmeldung wuerde ich mich sehr freuen…..
cara petra,
mir geht immer das herz auf, wenn ich solche erfahrungsberichte lese. danke dafür.