Jesper Juul im Interview

Johanna, 01.03.2010

Schönes Interview über 5 Seiten in der ZEIT via Facebook entdeckt: Jesper Juul im Interview.

Dieses mal finde ich ihn richtig gut – ich bin ja sonst sehr juulkritisch, obwohl seine Bücher “Das Kompetente Kind” und andere sehr beliebt unter Eltern von Unerzogenen ist. “Ich kämpfe täglich mit deutschen Müttern”, so betitelt die ZEIT sein Interview, aus dem ich hier nun einige Stellen herauspicke – wer mag kann aber auch gleich nur zur Kritik runterscrollen, wenn ihr sowieso den Artikel lesen wollt.

Kinderbetreuung

Über Kinderbetreuung erzählt er:
“Dänische Forschungen haben ergeben, dass [Kinderbetreuung] bis zum Alter von zwei Jahren tatsächlich bei 15 bis 20 Prozent der Kinder schädlich für das Gehirn ist – der Stress der Trennungsangst greift es an. Ich würde das, wenn ich Vater eines kleinen Kindes wäre, nicht riskieren,” – er relativiert es aber auch schön, versöhnlich und einleuchtend: “es sei denn, ich wüsste sicher, dass mein Kind keine Probleme mit Beziehungen zu Erwachsenen und anderen Kindern hat, dass es sich wohlfühlt und fest auf seinen Beinen steht.” Schön auch seine Erklärung zur Frage, warum “sich die skandinavischen Schulen Anfang, Mitte der neunziger Jahre plötzlich darüber beklagten, dass die Kinder keine soziale Kompetenz mehr hätten, sie könnten nicht ruhig sitzen, sich nicht konzentrieren”: “Zehn Jahre zuvor hatte man begonnen, Kinder zunehmend in pädagogische Zwangsveranstaltungen zu stecken. Erzieher und Pädagogen argumentieren, solche Einrichtungen seien gut fürs soziale Lernen. Aber dafür gibt es kaum Beweise.” Interessant. Hat doch wer welche? Her damit!

Spiegelneuronen

Über die Spiegelneuronen, über die auch Margot Sunderland in Die neue Elternschule schreibt, kritisiert er Freud: “Kinder haben Sehnsucht nach sozialen Beziehungen. Freud hat das nicht geglaubt, und bis vor Kurzem gab es auch keine Beweise. Dann haben Forscher die Spiegelneuronen entdeckt: jene Nervenzellen im Gehirn, die aktiviert werden, wenn jemand sich in einen anderen hineinversetzt – er spiegelt die Gefühle des anderen, und das gibt es auch schon bei Kindern. Ich warte nur darauf, dass man jetzt auch die Erklärung dafür findet, warum 50 Prozent der Kinder spiegelverkehrt kooperieren. (...) Die Hälfte der Kinder, die mit Gewalt aufwachsen, wird aggressiv anderen gegenüber; die andere Hälfte wird genauso aggressiv, aber sich selbst gegenüber. Das Phänomen gibt es in allen möglichen Bereichen – immer sind es ungefähr 50 Prozent, die ein Verhalten an den Tag legen, und 50 Prozent, die umgekehrt reagieren.”

Nur wenig Kritik habe ich

Einen einzigen Satz kann ich monieren, dass er nämlich behauptet: “Es ist ja keine Katastrophe, wenn ein Kind lieber mit seinem neuen Auto spielt, als zu essen. Aber es stört unser Bild von einem Familienessen. Bis ein Kind lernt, wann es Hunger hat, dauert es sieben, acht Jahre.” Wo sind da die Beweise? Das finde ich total an den Haaren herbei gezogen. Sind meine Kinder anormal, wenn sie genau wissen, wann sie Hunger haben mit 1,5 und 4 Jahren?

Meint er mit “Hunger” haben irgendein “richtigeres Hunger haben” als meine Kinder “Hunger haben”? Sollen sie auf was bestimmtes Hunger haben (z.B. nicht auf Marmeladenbrot, Joghurt, Banane, Cornflakes, Nudeln, Reis, Frischkornbrei mit Früchten, Nudelauflauf – oder davon auch nur den “Lokoli” (Brokkoli), den mein fast 22 Monate alter Sohn heute heraus gepickt haben wollte…. sondern….?) Oder drückt sich der “Hunger” darin aus, dass sie zur “richtigen Zeit” Hunger haben … na ja. Das finde ich wieder typisch Jesper Juul: Es gibt immer wieder Bereiche, die seiner berühmte “Führung” bedingen und Ungleichberechtigung rechtfertigen. Aber trotzdem: Herrliches Interview, schön, dass es in der ZEIT erschienen ist und auf breite Masse trifft und außerdem ist es mir selbstverständlich 30 Tausend mal lieber, wenn Leute “juulziehen”, als Supernanny nachzueifern…

Vollständigen Artikel lesen – hier lang.

1 Kommentar zu “Jesper Juul im Interview”

vielleicht meinte er, bis ein kind gelernt hat, wann es hunger zu haben hat? würde auch besser in den kontext passen und zu juul sowieso. könnte ja einfach falsch zitiert sein (hoffe ich).

grüße,
susanne

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