Opfer

Johanna, 11.11.2010

Hat schon jemand das Wort “Opfer” als gängiges Schimpfwort/Spaßwort gehört? Eine Freundin berichtet, dass es ihre Schüler und Schülerinnen alle ständig sagen. Kannte ich so noch nicht. Alarmierend? Bezeichnend? So schlimm wie alle solche Wörter früher auch waren? Was gab’s bei euch? Wer weiß, warum “Opfer” heute benutzt wird? Mich interessieren eure Meinungen!

9 Kommentare zu “Opfer”

Leider wird der Begriff “Opfer” heutzutage unter Schülern tatsächlich nicht selten gebraucht. Ein ganz besonders gemeines Schimpfwort, da es den Anderen pauschal verurteilt und ausschließt. Mit meinen Kindern habe ich mehrfach darüber gesprochen und versucht, sie für solche Dinge zu sensibilisieren. Wir sind häufig über Themen im Gespräch, die das soziale Miteinander in der Schule betreffen. Zum Glück wird auch von Seiten der Schule (ein ganz normales Gymnasium)Wert auf eine gute Atmosphäre gelegt.

Liebe Johanna,

ich kopiere dir mal einen Teil des Wiki-Artikels “Schimpfwort” hier herein. Wenn man dem Geschriebenen so ein bisschen folgt, dann könnte man vermuten, dass die Benutzung des Schimpfwortes “Opfer” darauf hindeuten könnte, dass den Kindern, die das Wort benutzen, bewusst oder unbewusst klar sein könnte, das die Gesellschaft in der sie Leben, genau solche Unterscheidungen in Opfer und Täter vornimmt. Für mich hat Opfer/Täter auch viel mit Verlierer/Gewinner zu tun. Und ich denke schon, dass diesen Kindern genauso bewusst oder unbewusst klar sein könnte, dass es immer schwieriger wird, den Sprung von den Verlierern zu den Gewinnern zu machen. In dem Sinne grenzen sich diese Kinder also aggressiv von der Seite der Verlierer ab und nehmen in der Verbindung “Opfer/Täter – Verlierer/Gewinner” die Rolle der Täter an.

Diese Erkenntnissquelle, wie der Artikel es nennt, könnte uns dann eher dazu führen, genau solche Verbindungen zu erkennen und als nächsten Schritt fände ich es dann eindeutig wichtiger, diese Verbindungen aufzuarbeiten und abzuarbeiten, als den Kindern diese Worte irgendwie zu verbieten, abzugewöhnen oder anderweitig die Verwendung zu verurteile.

Psychologie des Schimpfwortgebrauchs

Der individuelle und regionale Schimpfwortgebrauch ist eine Erkenntnisquelle für Psychologen, da Schimpfwörter häufig mit Trieben und Tabus verknüpft sind. Sie geben daher Aufschluss über individuelle und kollektive Charakteristika. Der Schimpfwortgebrauch kann nach dem Freud’schen psychosexuellen Phasenmodell systematisisert werden. Anales Schimpfen wird in diesem Zusammenhang mit starkem Ordnungs- und Reinlichkeitssinn in Verbindung gebracht (stark verbreitet in Deutschland, Österreich, Schweiz, Japan), während ödipale Beschimpfungen (z.B. motherfucker) häufig mit hoher nach außen getragener Sexualmoral bzw. patriarchalen Strukturen in Verbindung gebracht wird (z.B. USA, Türkei, Serbien, Kroatien, Griechenland). Auf der selben Ebene schwingen Beschimpfungen, die mit promiskem weiblichen Verhalten zu tun haben (Schlampe, Hure, Nutte, Hurensohn), die auf ein hohes Mutterideal schließen lassen (besonders ausgeprägt in der Schweiz und Italien). Eine Besonderheit sind Flüche in Italien, die sich auf Gott beziehen (z.B. porco dio = Schweinsgott oder porca madonna = Schweinsmadonna), die auf ein hohes Religiositätsideal in der Gesellschaft schließen lassen.

Liebe Johanna,

Ich hab gerade erst mitbekommen, dass du oben den Wiki-Artikel zum Opfer-Schimpfwort verlinkt hast. Ups… Im Grunde denken sich meine Gedanken ja mit dem Artikel. Mir fehlt nur zu sehr die gesellschaftliche Komponente. Da wird das “Problem” mal einfach irgendeiner jugendlichen Entwicklung zugeschoben.

LG
Andy

ich habe bis jetzt “opfer” nicht als wirkliches schlimmes schimpfwort empfunden. ich kenne viele die es verwenden als bezeichnung für menschen, die sich ausnutzen lassen, sich dumm anstellen etc. was ja nicht ganz falsch ist… klar besonders nett ist es nicht und an die dazugehörigen “täter” wird nicht gedacht. aber allzuviel gedanken würd ich mir nicht machen. aus meiner kindheit weiß ich auch noch wie toll es war meine mutter mit besonders schlimmen schipfwörtern zu schockieren. der satz “du bist voll behindert” hat nen richtigen “familienkrieg” ausgelöst. ich denk, wenn nicht irgendwas total schief läuft gibt sich das ganz von allein.

Der Begriff “Opfer” ist in der deutschen Rap-Szene entstanden und wird auch häufiger in den Texten verwendet. Dies wird von den Kids dann gerne übernommen, wie auch andere Begriffe aus dieser Szene.

ich kenne den begriff “opfer” als schimpfwort schon seit einigen jahren (bestimmt 5) von meinen nachhilfeschüler_innen. zwar habe ich das wort vor allem bei kindern “aus unteren sozialen schichten” und dann meist in gruppen häufig gehört, aber es hat in meinem empfinden nie etwas von seiner aggressivität verloren. wenn ich mir in erinnerung rufe, wie das wort immer ausgesprochen wurde, höre ich viel wut und abwertung. auch das scheint aus einem bestimmten teil der rap-szene übernommen worden zu sein…

Ich zitiere mal aus meinem Blog (kopflustig.de). Tatsächlich passiert. Passend zum Thema:

Wie kleine Jungs zu Opfern werden

Neulich in der Straßenbahn:

Zwei kleine Jungs. Sagt der eine zum anderen: “Guck mal Alter, ey, da ist Florian. Alter, der ist voll das Opfer. Hab isch ihm auch schon gesagt, ‘Du bist voll das Opfer, ey!’.”. Der andere Junge denkt kurz nach und sagt daraufhin: “Du, was heißt denn eigentlich Opfer?”. Wieder der andere: “Weiß isch auch nich Alter, aber der ist voll das Opfer. Aber weißt du, wieviel zehn mal zehn ist? Nämlich 100.”

für mich hört sich “opfer” nach einem modernisierten “loser” an. zweiteres benutzt heute kaum noch einer – stattdessen eben “opfer”. mich machen die nutzungsfrequenz und indirekte soziale unterstützung bzw. der soziale verantwortungsentzug mehr als traurig und wütend zugleich.

Mein Eindruck ist, dass tatsächlich Mobbingopfer von Mobbern so bezeichnet werden, um sie zu erniedrigen und sich selbst aufzuwerten.

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